Screenshot der Meldung von ZDF heute mit dem schwarz weiß Bild des Geblitzten und dem Text: m baden-württembergischen Schwäbisch Hall wurde in der Dunkelheit ein Lastenrad-Fahrer in einer Tempo-30-Zone geblitzt. Der Mann hatte ein Kind an Bord, und war laut Stadt mit 44 km/h unterwegs, als das Radargerät auslöste. Die Stadt veröffentlichte das unkenntlich gemachte Blitzerfoto auf ihre, Facebook-Account und wies Radfahrerinnen und Radfahrer in dem Post darauf hin, dass auch sie sich ans Tempolimit halten sollten.

Anekdotische Evidenz ist keine Statistik, aber sehr gut für Clickbait und Defokussierung.

Über einen Blitzer in Schwäbisch Hall, Lastenräder, Grabsteine und die Kunst, aus einer Anekdote eine halbe Wahrheit zu machen

Was ist passiert?

In der Dunkelheit wurde in Schwäbisch Hall ein Lastenrad-Fahrer in einer Tempo-30-Zone geblitzt. Der Mann hatte ein Kind an Bord und war laut Stadt mit 44 km/h unterwegs, als das Radargerät auslöste. Die Stadt veröffentlichte das unkenntlich gemachte Blitzerfoto auf ihrem Facebook-Account und wies Radfahrerinnen und Radfahrer in dem Post darauf hin, dass auch sie sich ans Tempolimit halten sollten. Ich ließ meinen Frust über diesen Clickbait und die Nutzung von anekdotischer Evidenz raus und natürlich erhielt ich viele Besserwisser-Antworten.

Der Einwand, den ich kenne: „Trotzdem falsch vom Radfahrer“

„Ja stimmt, bei uns fahren auch Autofahrende 70 in der 30er-Zone. Trotzdem falsch vom Radfahrer.“

Und ja, das ist richtig. Mit einem Kind auf dem Lastenrad 44 km/h in einer 30er-Zone zu fahren, ist falsch. Niemand spricht Radfahrende von Tempolimits frei. Ein Kind an Bord ist schließlich der Grund, warum Tempo 30 dort gilt. Wer es mit 44 km/h überschreitet, riskiert vor allem das eigene Kind und die Menschen um es herum.

Nur: Das war nie meine Frage. Die Frage ist, warum ausgerechnet dieses eine geblitzte Lastenrad auf Facebook gepostet wird, während die Autobahn des Kita-Parkplatzes, die viele unserer Straßen in Innenstädten geworden sind, unkommentiert bleibt. Es geht um die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf Basis von Statistik.

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Das Grabstein-Argument

Dann kam der Satz, den ich mir für diesen Blogbeitrag aufgehoben habe:

„Schreiben wir dann auf den Grabstein: Ja, aber Autos fahren auch zu schnell. Schön, hast du nur nichts von, wenn du oder dein Kind tot bist.“

Dieser Satz klingt stark. Er ist vielleicht auch der Auslöser, warum ich überhaupt schreibe. Denn er kehrt mein Argument um. Ich habe nicht gesagt, dass das Rasen mit dem Lastenrad okay ist, weil Autos schlimmer sind. Ich habe gefragt, warum die Stadt ein Lastenrad als Warnung für alle Radfahrenden nutzt, während die tägliche Überschreitung durch Autos nie Thema ist. Die Frage nach dem doppelten Maßstab ist keine Relativierung. Sie dominiert unsere „Verkehrssicherheit“.

Auf keinem Grabstein steht: „Die anderen waren schlimmer.” Auf sehr vielen Grabsteinen, darunter auch die von Kindern, steht jedoch: „Getötet von einem Pkw oder Lkw”. Das sind physikalische und statistische Grundlagen, auf denen sowohl die Arbeit im Journalismus als auch in Stadtverwaltungen stehen sollten, es aber nicht tun. Denn das würde bedeuten, die Autoprivilegien (nicht die Autos!) radikal infrage zu stellen. Die Statistik zeigt eindeutig, wer im Straßenverkehr wen tötet. Die kinetische Energie wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit, aber zuerst mit der Masse. Ein Pkw, der mit 60 km/h durch die 30er-Zone vor der Kita fährt, ist etwas anderes als ein Lastenrad, das mit 44 km/h fährt – so sehr beides falsch ist. Beides verdient eine Ahndung, doch Erstes kommt weitaus häufiger vor – und wir haben uns daran gewöhnt.

Dann wurde, wie so oft, eine Behauptung einfach in den Raum geworfen und vielfach geliked, weil sie so gut in die eigenen Framings passt: „Radfahrer gefährden hauptsächlich sich selbst. Bei 63 Prozent der tödlichen Radfahrunfälle tragen Radfahrer die Allein- oder Hauptschuld am Unfall.“

Diese Zahl gibt es nicht. Keine offizielle Statistik weist für tödliche Radfahrunfälle eine Allein- oder Hauptschuld der Radfahrenden in 63 Prozent der Fälle aus. Was die amtliche Statistik sagt: Waren Autofahrende beteiligt, lag die Hauptschuld der Radfahrenden nur bei 24,7 Prozent. Bei Lkw sogar nur bei 20,9 Prozent.

Was mich wirklich ärgert

Nicht der Radfahrer. Er hat gegen Regeln verstoßen und wurde geblitzt, gut!

Mich ärgert, wie Städte über Verkehrsrecht kommunizieren. Das Veröffentlichen von Blitzerfotos ist auch bei Autos rechtlich umstritten. Ausgerechnet ein Lastenrad als Abschreckungsfoto zu nutzen, während die eigene Verwaltung die 30er-Zone vor der Kita dem Autoverkehr nicht zumutet, ist ein falsches Signal. Hier wird die sichere Fortbewegungsart an den Pranger gestellt, während die gefährliche ungestraft bleibt.

Und es ärgert mich, dass in dieser Debatte wieder wertvolle Zeit auf das falsche Subjekt verwendet wird. Wer Tempo 30 ernst meint – und ich meine es ernst, denn ich möchte, dass kein Mensch im Straßenverkehr stirbt und dafür ist eine der zielführenden Maßnahmen Temporeduktion – braucht eine konsequente Messung für alle, sichere Überwege, abgesenkte Bordsteine und eine geschützte Radinfrastruktur, die auch von Lastenrädern mit Kindern an Bord sicher genutzt werden kann. Nicht einen Facebook-Post, der Radfahrende verwarnt, während die nächsten 70 Fahrten mit 60 km/h durch die Zone kommentarlos bleiben.

Tempo 30 für alle. Konsequent gemessen, konsequent geahndet, konsequent kommuniziert. Das wäre eine Stadt, in der ich gerne mit einem Kind auf dem Lastenrad fahre. Mit 25 km/h, das verspreche ich.

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