Wolf Warncke im verlinkten Beitrag in seinem Autohaus.

Gift für das Geschäft: Wenn die Politik Gesetztes in Frage stellt, verunsichert dies Kund*innen und bestraft Pionier*innen.

Das EU-Ziel war klar: Ab 2035 sollten neue Autos 100 Prozent weniger CO₂ ausstoßen. Nun wollen Deutschland und Frankreich genau das aufweichen. Bundeskanzler Merz und Präsident Macron haben sich am 16. Oktober am Rande des EU-Gipfels in Brüssel auf eine Lockerung geeinigt. Demnach sollen die Hersteller ihre Flottenemissionen nur noch um 90 Prozent senken müssen, gemessen an den Werten von 2021. Die restlichen zehn Prozent sollen noch nicht mal kompensiert werden müssen. Merz bezeichnet dies als Durchbruch und sagt, das Verbrenner-Aus sei damit „Geschichte”.

Wer gewinnt bei diesen Irrlichtern? Die Zulieferindustrie und die fossile Lobby, aber ganz bestimmt nicht die Gesellschaft und/oder der Klimaschutz. Es wird ein unnötig großer Verbrennerbestand aufgebaut. Dieser stellt in zeitnah eine hohe finanzielle Last für viele Bürger*innen dar, bedeutet für Zulieferer aber weiterhin eine Geschäftsquelle – Verbrenner brauchen deutlich mehr Wartung als elektrische Antriebe – und führt zu einer Ölabhängigkeit der fossilen Industrie. Denn auch wenn die Geschichte der E-Fuels immer wieder erzählt wird: Sie benötigen viermal so viel Energie wie der direkte elektrische Antrieb.

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Ich möchte hier von jemandem erzählen, der diese Politik nicht aus Pressemitteilungen, sondern aus dem Verkaufsraum kennt: Wolf Warncke. Ich kenne ihn seit Jahren. Er kommt in meinen Büchern vor und wir haben immer wieder Hintergrundgespräche geführt. Er war Vertragshändler von Volkswagen, ist es aber nicht mehr, obwohl – oder vielleicht weil – er früh die höchsten Elektroautozahlen aufwies. Heute ist er ein erfolgreicher Vielmarkenhändler.

„Gift für mein Geschäft“

Derzeit sind drei Viertel der von Wolf verkauften Autos Elektroautos. Was Merz und Macron ausgehandelt haben, ist für ihn Gift für sein Geschäft. Nicht, weil seine Kund*innen plötzlich keine E-Autos mehr wollen, sondern weil sie verunsichert werden. Wer auf Elektromobilität setzt, erwartet Rückendeckung von der Politik. Wenn Berlin und Paris signalisieren, dass der Verbrennungsmotor doch bleiben darf, ist das ein Signal an alle Zögerer und ein Schlag für alle, die sich bereits entschieden haben.

Die Kundschaft ist längst weiter

Die Zahlen geben Wolf recht. Laut Kraftfahrt-Bundesamt wurden im September in Deutschland 256.774 Pkw neu zugelassen. Elektroautos kamen mit 88.599 Fahrzeugen auf 34,5 Prozent. Zum ersten Mal gab es mehr reine Elektroautos als Benziner und Diesel zusammen. Letztere kamen auf 17,4 bzw. 9 Prozent. Hybride erreichten einen Anteil von 38,5 Prozent. Der Absatz der Verbrenner sinkt: Benziner minus 29 Prozent, Diesel minus 20 Prozent.

Fairerweise muss jedoch erwähnt werden, dass die seit Mai geltende Kaufprämie des Bundes, die je nach Einkommen und Kinderzahl bis zu 6.000 Euro beträgt, diese Zahlen mit angetrieben hat. Die Beratungsfirma EY warnt jedoch vor einem Einbruch, wenn das Budget aufgebraucht ist. Das ist ein Argument für verlässliche Politik, nicht gegen sie. Wer einen Markt mit Förderung aufbaut und ihm dann das Ziel nimmt, riskiert genau diesen Einbruch. Viele betrachten diese Prämie daher auch eher als „psychologische Kraft“, denn als echten monetären Grund. Was gefördert wird vom Staat gilt als verlässlich „gewollt“. Da heute nahezu 80 Prozent aller Neuwagen finanziert werden, kommt der Prämie bei der monatlichen Zahlung oft gar nicht die große Rolle zu – vor allem nicht bei Gutsituierten, die nicht wie Menschen mit weniger Geld auf den Gebrauchtwagenmarkt warten müssen.

Was die Lockerung kostet

Die Klimabilanz ist eindeutig. Marcel Hoß von der Deutschen Umwelthilfe sagt in dem Beitrag: „Der Deal bedeutet erhebliche Mehremissionen und sieht vor, dass diese nirgendwo ausgeglichen werden müssen. Das ist ein harter Schlag für das Klima und müsse in Gänze abgelehnt werden.“ Ähnlich urteilt Transport & Environment Deutschland, die von einem „historischen Fehler“ sprechen.

Auch die Gegenposition gehört in einen ehrlichen Text. Volkswagen, Renault und Stellantis begrüßen die größere Flexibilität. Hildegard Müller, die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, bezeichnet den Deal als Schritt in die richtige Richtung mit größerer technologieoffener Flexibilität, insbesondere für Pkw. Finanzminister Klingbeil sieht darin eine Chance, Industriearbeitsplätze zu sichern.

Ich halte diese Aussagen für realitätsfern. In dieser Lesart ist Technologieoffenheit ein Faustpfand für die Vergangenheit. E-Fuels sind teuer, selten und benötigen laut bisherigen Studien vier- bis fünfmal so viel Strom wie ein Elektroauto für dieselbe Strecke. Jeder Liter davon fehlt dort, wo er wirklich gebraucht wird: in Flugzeugen und Schiffen. Biokraftstoffe wie E20, also Benzin mit 20 Prozent Ethanol, das die EU-Kommission derzeit prüft, führen zu einer Konkurrenz um Ackerflächen, die wir für die Ernährung benötigen. Die Abschaffung des Verbrenner-Aus ist ein Geschenk an alle, die die Transformation verschlafen haben. Und sie kostet genau das, was Müller zu sichern behauptet: Planungssicherheit für die Industrie und für Arbeitsplätze. Wer schon heute wie Wolf drei Viertel Elektroautos verkauft, braucht keine Flexibilität für den Verbrennungsmotor, sondern Verlässlichkeit für das, was funktioniert.

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Noch ist nichts entschieden

Der Deal von Merz und Macron muss auf EU-Ebene bestätigt werden. Im Europaparlament haben sich EVP, Sozialdemokraten und Renew auf 87,5 Prozent geeinigt. Die restlichen Prozente wollen sie mit grünem Stahl ausgleichen. Am 22. Oktober wird im Verkehrs- und im Industrieausschuss abgestimmt, im Dezember soll das Plenum folgen. Danach muss der Rat mit qualifizierter Mehrheit zustimmen.

Das heißt: Es gibt noch etwas zu entscheiden. Und es gibt Menschen wie Wolf Warncke, die zeigen, dass der Markt längst da ist, wo die Politik hin müsste. Sprecht mit euren Abgeordneten, schreibt an die Ausschüsse, macht Druck: Wer das Verbrenner-Aus aufweicht, bestraft diejenigen, die vorangegangen sind. Und das darf nicht das Signal Europas sein.

Quellen

industriemagazin: Verbrenner-Aus 2035, der Merz-Macron-Deal: https://industriemagazin.at/automobil/verbrenner-aus-2035-merz-macron-auto-deal

electrive: EU-Parlament berät Auto-Paket, 87,5 statt 100 Prozent: https://electrive.net/2026/10/20/eu-parlament-beraet-auto-paket-875-statt-100-co2-einsparung-bei-pkw-bis-2035

electrive: Neuer Spitzenwert, mehr als jeder dritte Neuwagen ist ein Elektroauto: https://www.electrive.net/2026/10/05/jeder-dritte-neuwagen-elektroauto/

Elektroquatsch: E-Auto-Anteil Rekord, September 2026: https://www.elektroquatsch.de/artikel/e-auto-anteil-rekord-deutschland-september-2026

taz: Aus für Verbrenner-Aus (18. Oktober 2026): https://taz.de/Aus-fuer-Verbrenner-Aus/!6222428/

Tagesspiegel: Neue Studie offenbart Probleme von E-Fuels: https://www.tagesspiegel.de/wissen/revival-fur-den-verbrennungsmotor-neue-studie-offenbart-probleme-von-e-fuels-11671928.html

web.de: Günstiges Bio-Benzin, EU prüft E20: https://web.de/magazine/auto/guenstiges-bio-benzin-eu-e20-einfuehren-42186732

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