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Brandmelder: Wie bekommen wir faktengetreue Medienberichte in der Klimakatastrophe?

In diesem Podcast möchte ich nicht nur über Mobilität sprechen. Mir geht es auch darum, Muster sichtbar zu machen. Die Art und Weise, wie über Automobilität und den ausbleibenden Verkehrswandel berichtet wird, ist dafür ein klassisches Lehrbeispiel. Deshalb habe ich mir dieses Mal Aline Pabst eingeladen. Sie ist Lokaljournalistin und seit Jahren im Netzwerk Klimajournalismus engagiert. Aktuell vor allem für „Brandmelder”, das neue Projekt des Netzwerks.

Sharepic, wo Katja in einer Fotocollage vor Bergen mit ihrem Faltrad steht. Text: Nachhaltige Mobilität zwischen Tal und Berg.
27.- 29. September 2026:
Thusis, Chur & Lenzerheide (Graubünden)
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Warum ein Netzwerk allein nicht mehr reicht

Das Netzwerk Klimajournalismus gibt es seit fünf Jahren. Die ursprüngliche These dahinter: Klimaberichterstattung ist deshalb so schwach, weil es in den Redaktionen an Wissen und an Rückhalt fehlt. Also hat das Netzwerk jahrelang auf Bildung gesetzt – Vernetzung, gegenseitige Unterstützung, sogar einen eigenen Preis für Klimajournalismus, der im September zum dritten Mal verliehen wird.

Und trotzdem – das war für mich der eigentlich spannende Moment im Gespräch – hat das Netzwerk selbst festgestellt: Es reicht nicht. Es ist eben nicht nur ein Wissens- oder Umsetzungsproblem. Manchmal, so Aline ganz offen, ist es schlicht Absicht in den Redaktionen. Genau deshalb gibt es jetzt Brandmelder: eine Website, auf der einzelne Beispiele schlechter Klimaberichterstattung analysiert werden – nicht, um Kolleg*innen bloßzustellen, sondern um zu zeigen, dass es besser geht und um klarzumachen, dass hinter schlechten Beispielen keine „ganze Branche”, sondern strukturelle Probleme stehen.

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Kein Faktencheck, sondern Medienkritik.

Aline hat das an einem Beispiel festgemacht: die Kampagne gegen das Gebäudeenergiegesetz, den sogenannten „Heizhammer”, die maßgeblich vom Axel-Springer-Konzern vorangetrieben, aber von erschreckend vielen anderen Medien einfach übernommen wurde. Markus Söder behauptete damals, eine Wärmepumpe koste Hausbesitzer*innen 300.000 Euro – eine vollkommen aus der Luft gegriffene Zahl. Ein Faktencheck widerlegt so etwas. Die Aufgabe von Brandmender beginnt danach: zu analysieren, warum so viele Redaktionen eine derart offensichtliche Fantasiezahl trotzdem unkommentiert weitergereicht haben.

Das hat mich sofort an meine eigene Arbeit erinnert. Wenn in Polizeimeldungen „Auto übersah Radfahrerin” statt „Autofahrer*in achtete an einer Kreuzung nicht auf die dann angefahrene Radfahrer*in” steht, ist das exakt dasselbe Prinzip: Sprache, die etwas unsichtbar macht, obwohl die Fakten längst bekannt sind.

Framings, die uns täglich in die Irre führen.

Einige Beispiele aus dem Gespräch sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

Das saarländische Umweltministerium veröffentlichte eine Rote Liste gefährdeter Arten mit der Überschrift „Ein Drittel der Arten im Saarland ist gefährdet”. Die dpa machte daraus: „Zwei Drittel sind nicht gefährdet.” Aline sagt, das sei für sie bis heute das schlimmste Framing-Beispiel, das ihr je untergekommen ist.

Ein weiteres Beispiel ist der Wetterbericht: 30 Grad im Mai als „schönes Wetter” zu bezeichnen oder zweistellige Temperaturen im Winter, bei denen die Bäume schon austreiben, als Grund zur Freude zu verkaufen. Der Witz dabei, sagt Aline, sei, dass „schönes Wetter” selbst schon ein Framing sei, was jedoch nie hinterfragt werde, da der Wetterbericht ja angeblich neutral sei.

Oder die Weltklimakonferenz: Wird dort eine klimaschädliche Entscheidung getroffen, heißt es oft „Misserfolg für Klimaschützer*innen“ – als würden diese das Klima nur für sich selbst schützen und nicht für uns alle.

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Warum Klima kein Sonderthema sein darf.

Warum wird das Thema Klima in Redaktionen immer noch als Nischenthema behandelt, obwohl es doch ein Querschnittsthema für praktisch jede Berichterstattung ist? Aline nennt mehrere Gründe: Jahrzehntelange Desinformation hat vor allem ältere Kolleg*innen geprägt, ohne dass ihnen das bewusst ist. Zum anderen sind es klassische Nachrichtenfaktoren, die auf plötzliche Ereignisse ausgelegt sind und mit einer seit Jahrzehnten schleichend eskalierenden Krise nicht gut zurechtkommen. Und eine Art vorauseilende Selbstzensur, gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Bloß nicht „Klima” sagen, weil die Leute angeblich genervt sind – was vor allem daran liegt, dass die Gegenseite in den sozialen Medien lauter ist als die Befürworter:innen.

Und schließlich ist da noch das leidige Neutralitätsargument. Aline bringt es auf den Punkt: Journalismus kann gar nicht neutral sein, da jede Journalistin und jeder Journalist durch die eigene Biografie geprägt ist. Was möglich ist, ist Objektivität – aber Neutralität einzufordern, wenn ein Faktum wie der Klimawandel zur Debatte steht, führt direkt in die „False Balance“: 1 999 Klimawissenschaftler:innen sagen, die Erderhitzung sei real, eine Person sagt das Gegenteil – und beide als „ausgewogen“ gleich zu behandeln, ist keine Neutralität, sondern Verzerrung.

Das deckt sich komplett mit dem, was ich aus meiner eigenen Arbeit kenne: Begriffe wie „emotional“ oder „radikal“ werden benutzt, um berechtigte, faktenbasierte Kritik zu diskreditieren – dabei bedeutet radikal schlicht, an die Wurzel zu gehen. Und gerade in autoabhängigen Regionen erlebe ich auf Lesereisen immer wieder, wie sehr wirtschaftliche und persönliche Verflechtungen zwischen Chefredaktionen und lokalen Eliten mit reinspielen. Das ist in der Klimaberichterstattung offenbar nicht anders.

Wie Brandmelder arbeitet

Bei aller Kritik: Brandmelder selbst versteht sich nicht als Faktencheck-Instanz, die jede Zahl auf Punkt und Komma prüft, sondern als methodische Medienkritik – mit klaren Prüfkriterien: Stimmen die Fakten? Ist das Thema richtig eingeordnet, spielt die Klimadimension die Rolle, die sie tatsächlich spielt? Gibt es False Balance? Wurde sauber nach Pressekodex gearbeitet? Jeder Text durchläuft mehrere Augen – meist sechs, manchmal acht -, kontroverse Fälle werden im Plenum diskutiert. Und trotzdem ist das Team winzig, größtenteils ehrenamtlich, Aline selbst arbeitet daneben noch zu 80 Prozent hauptberuflich als Journalistin. Es gäbe Stoff für zehn Texte am Tag – möglich ist ungefähr einer pro Woche. Eine Finanzierungsfrage, ganz klar.

Der Preis, den engagierte Journalist*innen zahlen

Was mich beim Gespräch nachdenklich gemacht hat: Der Vorwurf, man sei als kritische Stimme in den eigenen Reihen ein „Nestbeschmutzer“, ist im Journalismus offenbar immer noch tief verankert – dabei ist Kritik in jeder anderen Branche selbstverständlicher Teil von Qualitätssicherung. Gleichzeitig berichtet Aline von einer regelrechten Rückwärtsbewegung: Vor fünf Jahren wollte fast jedes seriöse Medium ein dezidiertes Klimaformat starten, heute wird vieles aus Angst vor dem Label „zu politisch“ gar nicht erst umgesetzt. Dazu kommt eine Arbeitsbelastung, die ständig steigt, und ein Ausmaß an Shitstorms und sogar realen Übergriffen, das es laut Aline seit Gründung der Bundesrepublik in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Was jede*r Einzelne tun kann

Zum Schluss wurde es sehr konkret – und das fand ich besonders wertvoll. Aline ruft dazu auf, sich Verbündete zu suchen, ins Netzwerk Klimajournalismus zu kommen, die In-House-Trainings des Netzwerks zu nutzen (manchmal glaubt man einer externen Stimme eher als der eigenen Kollegin, die dasselbe schon seit Jahren sagt), und vor allem: sich zu beschweren, wenn eine Klimakrise verharmlost dargestellt wird – sachlich, aber hörbar. Denn aktuell melden sich vor allem die, die den Klimawandel leugnen. Genauso wichtig: gute Klimaberichterstattung aktiv loben, weil negative Reaktionen ohnehin lauter sind als positive.

Das erinnert mich an das, was ich auf meinen eigenen Lesungen immer wieder sage, wenn Leute fragen, was sie tun können: in den Verkehrsausschuss gehen, so unsexy das klingt – denn dort sitzen bislang vor allem die lautesten, nicht die repräsentativsten Stimmen. Bei der Leserbriefspalte ist es genauso. Es ist unbequem, aber es ist Demokratie: Verantwortung heißt auch, die eigene Meinung dahin zu tragen, wo sie etwas bewirken kann.

Danke an Aline Pabst und an alle, die Brandmelder ehrenamtlich am Laufen halten. Wer das unterstützen möchte – die Kontodaten für Spenden findet ihr auf brandmelder.org.

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