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Zu Gast bei watson: E-Autos in der Stadt: „Wichtig, dass keine Lade-Infrastruktur entsteht.“

Über kaum etwas streiten die Deutschen so viel wie über die richtige Art der Fortbewegung. Auf der einen Seite ist und bleibt Deutschland Autoland, auf der anderen Seite realisieren immer mehr Menschen, dass eine Verkehrswende nötig ist. In einer bisher einmaligen Aktion können Menschen diesen Sommer drei Monate lang für 9 Euro den öffentlichen Verkehr nutzen. Insgesamt 16 Millionen dieser Tickets wurden bereits verkauft – Tendenz steigend. Gleichzeitig wurden in Deutschland im vergangenen Jahr fast 400.000 Autos verkauft. Jeder vierte Neuwagen war ein SUV.

Knapp 800.000 Menschen sind hierzulande in der Autoindustrie beschäftigt. Vor diesem Hintergrund schauen viele skeptisch auf aktuelle EU-Abstimmungen wie die zum Verbrenner-Aus für das Jahr 2035. Doch auch beim Umstieg auf E-Mobilität gibt es einiges zu beachten.

Blick in die Zukunft: Verschwinden die Autos bald von den Straßen?

Watson hat mit Mobilitätsexpertin Katja Diehl gesprochen. Die 49-jährige Wahlhamburgerin veröffentlichte in diesem Jahr das Buch „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“, in dem sie für eine autoarme und vor allem klimafreundliche Zukunft plädiert.

Im Interview erzählt sie, was sie vom EU-Aus für Verbrenner hält und wieso wir in Deutschland uns ruhig mal ein Beispiel an Österreich nehmen sollten.

watson: In der vergangenen Woche hat das EU-Parlament dafür gestimmt, dass Autos mit Verbrennungsmotor nur noch bis 2035 produziert werden dürfen. Was halten Sie davon?

Katja Diehl: Das ist natürlich totaler Bullshit. Na klar, ich bin froh, dass es den Beschluss überhaupt gibt. Hier in Deutschland kriegen wir das ja leider nicht hin. Und das ist etwas, wofür ich der EU dankbar bin. Sie hat ja auch bereits die Flottengrenzwerte beschlossen. Bei den Autos heißt es jedoch, dass bis 2035 keine Verbrenner mehr produziert werden dürfen und bis dahin sind es noch 13 Jahre. Und wir wissen genau, was für Autos gerade gebaut werden. Das sind nicht gerade Kleinwagen.

Was sollte die deutsche Regierung tun?

Ich glaube, dass die Industrie besser reagieren würde, wenn es richtige Maßgaben geben würde. Ich berate zum Beispiel die Klimaministerin von Österreich, Leonore Gewessler, und dort haben sie als Zeitpunkt das Jahr 2040 festgelegt, an dem das Land klimaneutral werden soll.“Das Ziel sind 15 Millionen Elektroautos bis 2030. Sind damit auch wieder Plug-in-Hybride gemeint? Was wird überhaupt als Elektroauto definiert? Und kommen diese 15 Millionen auf die Flotte drauf oder sind sie ein Ersatz?“Katja Diehl

Was heißt das für die dortige Mobilitätsplanung?

Alle Infrastrukturprojekte landen auf diesem Tisch und dann wird sich beraten. Da wird dann gefragt: Wie viele Emissionen wird der Bau dieser Autobahn verursachen? Und brauchen wir diese Autobahn überhaupt in einer autoarmen Zukunft? Die österreichische Ministerin sagt gerade sogar Infrastrukturprojekte ab, weil sie in einer autoarmen Zukunft nicht gebraucht werden. Wenn heute mit dem Bau zum Beispiel einer Autobahn begonnen wird, ist sie ja auch erst in zehn Jahren fertig.

Welche Schwierigkeiten siehst du bei der E-Mobilität?

Ich habe jetzt schon mehrmals gefragt, ob es einen Ladesäulen-Infrastruktur-Masterplan der Bundesregierung gibt, der nicht auf dem heutigen Fuhrpark beruht. Ich will nicht, dass für 49 Millionen Autos Ladeinfrastruktur gebaut wird. Erstens sollen die Leute möglichst zu Hause oder auf der Arbeit laden. Und zweitens werden wir hoffentlich weniger Autos haben. Doch bisher gibt es keinen Plan. Es ist interessant: Das Ziel sind 15 Millionen Elektroautos bis 2030. Und ich frage mich: Sind damit auch wieder Plug-in-Hybride gemeint? Was wird überhaupt als Elektroauto definiert? Und kommen diese 15 Millionen auf die Flotte drauf oder sind sie ein Ersatz?

Wie wird die E-Mobilität den öffentlichen Raum verändern?

Hoffentlich in dem Sinne, dass wir endlich wieder den Raum zwischen den Häusern für die Menschen zurückerhalten. Mir ist wichtig, dass im öffentlichen Raum keine Lade-Infrastruktur entsteht. Viele sind aber aktuell von der Idee begeistert, Straßenlaternen als Ladesäulen mitzunutzen. Doch dann bleiben dort die Autoplätze bestehen. Wie wollen wir dann argumentieren, dass wir den Platz für uns brauchen? Wir haben so viel versiegelte Fläche, vor allem in der Stadt – Supermärkte, Fitnessstudios, Bürohäuser. Dort kann gern geladen werden. Auf dem Land hingegen sehe ich eine richtige Chance, auf dem Dach Photovoltaik-Anlagen zu installieren, um sich unabhängig vom Öl zu machen. Die Ladesäulen-Infrastruktur verlagert im Moment wieder Probleme in den Gehwegbereich, wohin sowieso alles kommt, was nicht anderswo gelagert werden kann. Seien es Mülltonnen oder Baustellen, alles ist immer auf dem Fußweg, damit die Autos freie Fahrt haben. So ähnlich ist das auch bei den Ladesäulen und das will ich nicht.

Seit Juni gibt es für drei Monate das 9-Euro-Ticket. Ist das ein Konzept für die Zukunft der Mobilität?

Mir gefällt total, dass alle darüber reden. Es ist ständig ein Hashtag in den Twitter-Trends. Überall bei Instagram sieht man Leute, die berichten, dass sie gerade mit dem 9-Euro-Ticket unterwegs sind. Ich glaube allerdings nicht, dass es die Alltagsmobilität langfristig verändert. Dafür sind wir gerade auch einfach zu sehr in den Sommermonaten. Ich habe schon Familien mit Kindern getroffen, die Ausflüge machen und es ist immer viel Kommunikation über das Ticket – auch in den Zügen. Die Leute gehen aufeinander zu und sprechen miteinander.

„Und vielleicht merken sie: Cool, ich kann im Zug spazieren gehen. Ich kann essen, ich kann schlafen und ich kann auf Toilette gehen. Man hat Zeit für sich gewonnen. Fährt man selbst Auto, geht das nicht.“Katja Diehl

Was werden wir aus der 9-Euro-Ticket-Zeit mitnehmen?

Ich mag dieses Flatrate-Konzept, bei dem man sich nicht vor jeder Fahrt Gedanken um die Tickets machen muss. Ein Positivbeispiel wäre hier wieder Österreich, die haben das sogenannte Klimaticket. Das ist eine Flatrate, bei der Seniorinnen und Senioren, Familien und Menschen, die sozial schwächer gestellt sind, günstigere Preismodelle haben. Als ich mit diesen Leuten gesprochen habe, haben sie mir erzählt, dass sie, seitdem es das Ticket gibt, ihr Auto abgeschafft haben. Sie empfanden es als Barriere, sich jedes Mal neu um richtigen Tickets zu kümmern und sind zuvor deswegen auch nicht viel Bahn gefahren.

Wäre das auch ein Konzept für Deutschland?

Das Klimaticket hat nicht dafür gesorgt, dass alle sofort ihr Auto abgeschafft haben. Aber sie probieren öffentliche Verkehrsmittel wenigstens mal aus. Und vielleicht merken sie: Cool, ich kann im Zug spazieren gehen. Ich kann essen, ich kann schlafen und ich kann auf Toilette gehen. Man hat Zeit für sich gewonnen. Fährt man selbst Auto, geht das nicht. Es war eine Einladung – und in Deutschland vermisse ich ansonsten eine solche Einladung, anders mobil zu sein.

Unterschiedliche demografische Gruppen erfahren Mobilität anders – was kann getan werden, um diese Unterschiede auszugleichen?

Das Wichtigste ist, die Gesellschaft an die Tische der Entscheidung zu bringen. Andreas Scheuer hatte in seinem letzten Wirken als Verkehrsminister ein Management, bei dem die drei ersten Ebenen nur aus Männern bestanden, die sich sogar optisch alle sehr ähnlich sahen. Ich glaube, wenn ich hier mit drei Katjas sitzen würde und wir würden gemeinsam brainstormen, würden wir auch immer sagen: “Hey, gute Idee!” Es braucht Diversität!“Es kann nicht sein, dass es 2022 noch solche Probleme bei der Barrierefreiheit gibt, schließlich werden wir ja auch alle alt. Irgendwann haben wir alle einen Rollator und sind froh, wenn da keine Stufen mehr sind.“Katja Diehl

Zum Beispiel?

Menschen mit medizinischen Problemen, die z. B. im Rollstuhl sitzen, haben beim Zugfahren große Probleme. Es gibt in den ICEs der Deutschen Bahn nur eine barrierefreie Toilette, die nennt man mittlerweile “Universalklo”. Früher gab es mal zwei. Jetzt ist es aber so: Wenn die Toilette kaputt ist, dürfen Menschen im Rollstuhl nicht mehr mitfahren.

Absurd.

Bei allem Respekt für Ingenieursleistung in Deutschland: Es liegt definitiv daran, dass an diesen Tischen kein Mensch im Rollstuhl dabei ist. Es kann nicht sein, dass es 2022 noch solche Probleme bei der Barrierefreiheit gibt, schließlich werden wir ja auch alle alt. Irgendwann haben wir alle einen Rollator und sind froh, wenn da keine Stufen mehr sind. Am liebsten würde ich sogar Kinder mit an den Entscheidertisch setzen. Die gehen ja – im besten Sinne – sehr naiv an einige Themen heran. Und ich glaube, das fehlt uns noch.

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