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Zu Gast bei Riese & Müller: „Die Kosten des Autoverkehrs trägt die Gesellschaft.”

Unter der Marke „She Drives Mobility“ hat sich Katja Diehl als meinungsstarke Fürsprecherin für eine gerechte Mobilität einen Namen gemacht. „Autokorrektur“ heißt ihr kürzlich erschienenes erstes Buch, das bereits auf Sachbuch-Bestsellerlisten verkehrt. Aus ihren Recherchen hat sie viele spannende Anekdoten und Einsichten gewonnen und mit uns geteilt.

obilität in Deutschland – Status quo: ungerecht.

„Durch die Recherche und die Interviews, die ich für das Buch geführt habe, habe ich so viele tolle Menschen kennengelernt. Mit so vielen – wie ich finde – betroffen machenden Stories rund um Mobilität, die zeigen, wie Leute ausgeschlossen oder aber ins Auto gezwungen werden. Das hat mich mit Energie aufgeladen, um für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Denn ich bin nicht diejenige, die den Leuten vorschreibt, welches Verkehrsmittel sie benutzen müssen. Wenn du Autofahren super findest, dann will ich dich nicht verändern. Aber ich will dich erreichen. Ich will, dass die Gerechtigkeit hergestellt wird – dass Menschen, die nicht Autofahren wollen, eine Alternative angeboten bekommen. Der größte Kampf ist, den Leuten zu erklären, dass das System, das wir heute haben, schon ungerecht ist.“

„‚Autokorrektur‘, der Titel meines Buches, war für mich eine Art Lesezeichen auf Twitter. Wenn ich Sachen gesehen habe, die jenseits der Automobilität tolle Ideen für Mobilität aufgezeigt haben – zum Beispiel, wie in niederländischen Städten Kinder mit vielen Fahrrädern als so genannter ‚Bus‘ unterwegs sind und sicher zur Schule gelangen – dann ist das für mich ‚Autokorrektur‘. Dahinter steckt die Idee, das Auto anders zu denken oder auch Mobilität jenseits des Autos zu denken. Ich will die Autos nicht abschaffen, ich will eine andere Nutzung hinbekommen. Heute haben wir eine PKW-Nutzung von 45 Minuten am Tag pro Person. Das ist für zwei Tonnen Stahl und zwölf Quadratmeter Parkplatz ziemlich ineffizient. Das soll diejenigen nicht verleugnen, die ihr Leben ohne Auto nicht schaffen können. Nur sollten wir genau hinschauen: Machen sie das freiwillig oder liegt es an fehlenden Alternativen?“

„Innerhalb Deutschlands kann man sich durchaus wohl fühlen, weil man das Gefühl hat, hier und da passiert etwas, siehe Pop-up-Fahrradwege und Ähnliches. Aber wenn du dann über die Grenzen der Nachbarländer blickst, siehst du: Oh. So weit sind wir noch gar nicht. Ich sehe es positiv, dass es mittlerweile Politiker*innen gibt wie Anne Hidalgo in Paris, die ein unglaubliches Tempo vorlegt und erlebbar macht, was Verkehrswende bedeutet. Es geht nämlich nicht darum, wie in Hamburg 700 Meter autofreien Jungfernstieg umzusetzen, sondern die Seine-Ufer autofrei zu gestalten, wo vorher acht Spuren Autobahn verliefen. Das ist ein Vorher-Nachher-Effekt von Jetzt auf Gleich. Und da sagt bestimmt niemand: ‚Schade, dass hier keine Autos mehr fahren.‘ Sadiq Khan, der amtierende Bürgermeister von London, hat zum Beispiel gesagt, dass bis 2030 fast 30 Prozent weniger PKW in London fahren sollen. Ein Ziel Deutschlands lautet: Mindestens 15 Millionen Elektroautos auf den Straßen. Und was heißt das? On top auf den Bestand gerechnet – oder im Austausch für Verbrenner? Beinhaltet das eine Form von Abbau? Dass immer mehr Autos gekauft werden, ist letztlich ein Zeichen dafür, dass die Verkehrspolitik nicht demokratisch agiert, sonst würde sich eine Balance einstellen.“

„Ich habe neulich eine Umfrage gelesen, die ergeben hat, dass Menschen im ländlichen Raum genauso bereit sind, mit dem Fahrrad zu fahren, wie Städter*innen. Rund 50 Prozent würden sofort aufs Fahrrad umsteigen – aber es gibt im ländlichen Raum überhaupt keine Fahrradwege. Das Heimatdorf meiner Eltern ist zum Beispiel infrastrukturell die schlechteste Kopie der Stadt. Manche Gespräche für das Buch haben mir die Augen geöffnet. Wenn Menschen, die im ländlichen Raum wohnen, in den Ruhestand treten und dann das E-Bike für sich entdecken, sehen sie, wie schlecht die Situation wirklich ist – wie eng man überholt wird, dass man keinen eigenen Raum hat und sich fühlt wie ein Reh, das gleich angefahren wird. Vorher sind sie selbst Auto gefahren und haben das natürlich nicht erlebt. Ich sehe sehr viel Potential auf vierspurigen Landstraßen. Man könnte eine Spur einfach zu einem Radweg umwandeln und für den Fahrzeugverkehr eine Wechselbeziehung einführen, so dass in bestimmten Abschnitten immer eine Fahrtrichtung überholen kann.“

„Mit E-Bikes können viele Pendlerverkehre abgebildet werden. Die Menschen könnten ihr Fitness-Abo streichen, weil sie den Sport schon auf dem Weg zum Arbeitsplatz machen, Stichwort Dienstradleasing. Im Zuge meiner Recherche habe ich einen Mann kennen gelernt, der beruflich Waggons reinigt und nicht gerade gut bezahlt wird. Er hat ganz penibel Kosten verglichen und in der Konsequenz sein altes Auto abgeschafft, um sich ein gutes, elektrisch unterstütztes Rad zu besorgen. Später hat er sogar sein Fitness-Abo gekündigt und ist insgesamt trotzdem viel entspannter. Wenn man Mobilität von den Nichtprivilegierten aus betrachtet, dann muss sich das Auto in vielen Zusammenhängen unterordnen. Die erfolgreichste Elektromobilität, das sind Fahrräder und die Bahn. Die vollelektrischen Autos, die anteilig mit etwa 2 Prozent mitmischen, sind für mich noch keine Erfolgsgeschichte.“

„Ich durfte auf die Einladung zweier jüngerer Landräte in zwei Landkreisen Impulsvorträge zu meinen Ideen von Mobilität im ländlichen Raum halten. Sie sind selber gerade Familienväter geworden, bringen die Kinder mit dem Rad zur Schule und erleben selber wie gefährlich sich das im ländlichen Verkehr anfühlen kann. Ich glaube, dass mit ihnen als Beispiel auch in der Politik eine Generation nachwächst, die direkt vor Ort etwas bewegen kann. Sie gehen ganz anders heran an Familienmodelle, Arbeitsmodelle – das gehört ja alles zur Mobilität, auch, dass sich die Gegebenheiten über verschiedene Lebensphasen hinweg verändern und andere Lösungen erfordern. Und ich denke, dass die Wahlfreiheit ein steuerndes Instrument sein kann. Es wird angenommen, dass die Leute, die Auto fahren, das immer tun werden – aber was ist mit denen, die keinen Führerschein haben? Welche Alternative bieten wir ihnen? Auch gerade in der Konkurrenz der Regionen ist es wichtig, dass eine gute Mobilität für alle angeboten wird und nicht nur für Menschen mit Auto. Das Auto ist ein Stück weit Luxus. Nur die Hälfte der Menschen, die prekär verdienen, besitzt ein Auto und die andere Hälfte hätte wahrscheinlich lieber das Geld für den Lebensunterhalt und würde die Mobilität anders abbilden wollen, damit sie nicht mit ihrer Arbeit überwiegend ihr Auto unterhält.“

„Die Kernkompetenzen von ÖPNVlern und Menschen aus der Radbranche und umliegenden Mobilitätsfeldern müssten an einem Tisch zusammenfinden und im System überlegen, wie ein Auto obsolet gemacht werden kann. Ein Verkehrsmittel allein wird das nie schaffen. Die E-Scooter-Branche kann keine Autofahrten in Masse ersetzen – aber man kann damit zur Bahn fahren oder kurze Distanzen im ländlichen Raum zurücklegen. Was dabei mitschwingt, ist Daseinsvorsorge. Anstatt abzuschaffen, was sich nicht rechnet, müssen wir sagen: Wir sind ein hochentwickeltes Land und wollen allen Menschen eine gewisse Mobilität und Lebensqualität gewährleisten. Da geht es nicht um Zahlen. Denn der Autoverkehr rechnet sich auch schon ewig nicht mehr oder nur, weil die Gesellschaft die Folgekosten trägt.“

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