Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass man nicht Kundin ist – sondern Produkt.
Bei der Bahn, wenn der Takt stimmt und der Fahrpreis fair ist: Kundin.
Bei Gmail, Outlook, GMX: Produkt. Die Oberfläche ist freundlich, der Dienst läuft – aber das Postfach, das du täglich nutzt, ist Teil eines Ökosystems, das nicht für dich gebaut wurde.
Es wurde für jemanden gebaut, der dein Verhalten kennen will.
Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht.
Was wirklich passiert, wenn du GMail nutzt
Ich rede nicht davon, dass jemand mitliest. Kein Mensch sitzt da und scrollt deine Urlaubsbuchungen durch. Aber automatisierte Systeme tun genau das: Sie verarbeiten Inhalte, lesen Metadaten aus, ziehen Muster daraus.
Wer schreibt dir wann? Wie oft? Von welchen Geräten? Aus welchen Städten? Zu welchen Themen?
Metadaten sind oft aussagekräftiger als Inhalte. Das wissen Geheimdienste schon lange. Und das wissen auch die Plattformen, die damit ihr Geschäftsmodell bauen.
Noch ein Punkt, der gerne übersehen wird: Es geht nicht nur um deinen eigenen Account. Wenn du Gmail nutzt, landen auch die Mails deiner Freund*innen, Kolleg*innen, deiner Ärztin, deines Steuerberaters auf Googles Servern – auch wenn diese selbst niemals Gmail genutzt haben. Big Tech endet nicht bei den eigenen Nutzenden. Es beginnt bei jedem, der mit ihnen kommuniziert.
Das ist, finde ich, ein wichtiger Gedanke: Du kannst für dich entscheiden. Aber deine Entscheidung betrifft auch andere.
Warum »gratis« hier der falsche Deal ist
Ich kenne das Argument: »Ich habe nichts zu verbergen.« Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wer die Infrastruktur deines digitalen Alltags kontrolliert – und mit welchem Interesse.
Ein*e Anbieter*in, die sich über Abo-Gebühren finanziert, hat keinen strukturellen Anreiz, deine Kommunikation auszuwerten. Der Anreiz fehlt schlicht. Das ist kein Vertrauen in gute Menschen, das ist eine Frage des Geschäftsmodells.
Posteo kostet 1 Euro im Monat. Mailbox.org 3 Euro. Das sind die Preise für ein Postfach, das nicht von deinen Daten lebt. Das ist ein fairer Tausch.
Der Umstieg – und warum er einfacher ist, als du denkst
In Teil 3 haben wir den Browser gewechselt. E-Mail klingt komplizierter, weil da so viel dranhängt: Logins, Passwort-Resets, Bestellbestätigungen, Behördenpost. Dein Postfach ist die Schaltzentrale deines digitalen Lebens. Genau deshalb lohnt es sich, hier anzufangen.
Und genau deshalb muss der Umstieg nicht über Nacht passieren.
Schritt 1: Neues Postfach anlegen. Bei Mailbox.org oder Posteo, kostenpflichtig, in Deutschland gehostet, ohne Werbung. Das dauert fünf Minuten.
Schritt 2: E-Mail-Programm einrichten. Thunderbird am Desktop und unter Android ist meine Empfehlung. Du gibst einmal Adresse und Passwort ein, der Rest läuft automatisch. Auf iPhone reicht Apple Mail.
Schritt 3: Parallel laufen lassen. Das alte Konto nicht sofort kündigen. Weiterleitung aktivieren, damit keine Mail verloren geht. Dann nach und nach die wichtigen Dinge umstellen: erst Bank und Verträge, dann Behörden, dann alles andere.
Das klingt viel. Ist es auch. Aber du machst es einmal – und danach ist es erledigt.
Was wirklich zählt
Ich erlebe oft, dass Menschen sagen: »Ich weiß, das wäre besser, aber ich schaffe es nicht.« Das verstehe ich. Systemwechsel kosten Energie. Ob es der Umstieg aufs Rad ist, der Wechsel zur pflanzlichen Ernährung oder jetzt eben die E-Mail.
Aber ich erlebe genauso oft, dass der erste Schritt – ein neues Postfach anlegen, einfach anfangen – plötzlich vieles leichter macht. Nicht weil alles sofort perfekt ist, sondern weil man aufgehört hat, das schlechte Gefühl als unvermeidbar zu akzeptieren.
Deine E-Mails gehören dir. Die Infrastruktur, über die sie laufen, darf ruhig auch in deinem Interesse gebaut sein.
Dies ist Teil 4 der Serie #UnplugBigTech. In Teil 3 haben wir den Browser auf Firefox umgestellt. Schon gemacht?
Hier die Sharepics für euch:



















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