Oder: Was passiert, wenn mehr Menschen zu einem Mobilitätsvortrag kommen als zu Jens Spahn…
Als ich beim Neujahrsempfang der Grünen in Kempten vor über 150 Menschen stand, musste ich schmunzeln. Die Organisator*innen hatten mir vorher erzählt, dass bei Jens Spahn nur 70 Zuhörende waren. In einer mittelgroßen Stadt im Allgäu, 66.000 Einwohner*innen, umgeben von Bergen und Dörfern, wollen mehr Menschen über Mobilitätswende sprechen als über konservative Bundespolitik?!
Das sagt etwas. Etwas Wichtiges.
Es räumt mit dem Mythos auf, der uns seit Jahrzehnten erzählt wird: Dass Menschen auf dem Land das Auto lieben. Dass man ihnen nichts anderes zumuten kann.
Die Wahrheit ist: Menschen auf dem Land sind gefangen in einem System, das ihnen keine Wahl lässt. Und sie haben es satt.
Ich begann meinen Vortrag mit zwei Fragen:
Wer wollen wir hier im Saal gewesen sein?
Wie wollen wir Kempten an zukünftige Generationen übergeben?
Das sind keine theoretischen Zukunftsfragen. Das sind Fragen, die wir jetzt beantworten. Müssen. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat Auswirkungen. Mit jedem Euro, den wir investieren. Mit jeder Straße, die wir bauen – oder eben nicht bauen. Aus den Augen der Kinder von morgen wird unser Heute etwas sein, was überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen ist. Entweder, weil wir jetzt angefangen haben, es menschenfreundlicher zu gestalten – oder weil wir weiterhin nichts tun und „Design by desaster“ zulassen. Wollen wir das wirklich riskieren?
1976 sind 90 Prozent der Erstklässler*innen selbst zur Schule gelaufen. Heute werden in manchen Regionen über 60 Prozent mit dem Auto gebracht. 2024 wurde alle 19 Minuten ein Kind im Straßenverkehr verletzt oder getötet.
Wie erklären wir das unseren Enkel*innen? Dass wir ein System aufrechterhalten haben, in dem alle 19 Minuten ein Kind zu Schaden kommt? Weil wir dachten, dass das erwachsene Leben mit Auto wichtiger ist als die Lebensqualität unserer Kinder, Alten, Behinderten, Armen…
Vision Zero ist möglich. Nicht als ferne Utopie, sondern als konkretes Planungsziel.
Wie wäre es, wenn wir in Kempten sagen könnten: „Schon seit drei Jahren ist niemand mehr im Straßenverkehr gestorben, weil wir Vision Zero in all unsere Planungen übernommen und die Schwächsten geschützt haben“?
Kempten könnte Paris sein
„Unmöglich“, werden manche jetzt denken. „Paris ist eine Weltstadt. Kempten ist… Kempten.“
Aber genau das ist der Punkt.
Paris hat gezeigt, was möglich ist, wenn man Mut hat:
- Tempo 30 gilt inzwischen beinahe überall
- Das Radnetz ist auf über 1.000 km gewachsen
- Nur noch 5 Prozent der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt
- Stickstoffdioxid (NO2) ist um 50 Prozent gesunken
- Feinstaub um 40 Prozent
- 60.000 oberirdische Parkplätze wurden zu grünen Lebensräumen umgestaltet
- Ehemalige Verkehrskreisel sind jetzt Wälder, die im Sommer um mehrere Grad kühlen
Paris wird mit jedem Tag lebenswerter.
Und wenn Paris das kann – warum nicht Kempten?
Warum nicht Memmingen, Kaufbeuren, Sonthofen? Warum nicht alle Dörfer?
Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft: Es geht nicht nur ums Klima. Es geht um die Entscheidung: Wie wollen wir in Zukunft leben?
Eine sozial gerechte, inklusive, wahlfreie Mobilität macht auch ohne Klimakatastrophe Sinn.
Schauen wir uns konkrete Beispiele an:
Die 75-jährige Frau, die ihren Führerschein abgeben will? Isoliert in ihrem Dorf. Fährt daher weiter Auto. Obwohl sie weiß, dass das eigentlich nicht richtig ist. Der 16-Jährige, der eine Ausbildung in der Nachbarstadt machen will? Abhängig davon, dass Mama oder Papa ihn fahren. Die alleinerziehende Mutter, die sich kein Auto leisten kann? Ausgeschlossen von Teilhabe.
Können diese Menschen heute gut und selbstbestimmt in Kempten leben?
Aktuell lautet die Antwort: Nein.
Das ist nicht akzeptabel. Nicht in einer Demokratie. Nicht grundgesetzkonform.
Der ländliche Raum braucht eine neue Perspektive.
Hier ist die gute Nachricht: Die Mobilität der Zukunft wird immer stärker vom Fahrrad geprägt. Gerade auch im ländlichen Raum entstehen hier neue Möglichkeiten durch elektrische Antriebe.
E-Bikes, Lastenräder und Konzepte der letzten Meile nutzen den Rückzug autozentrierter Strukturen und die sicheren Wege, die sich daraus ergeben. Ein E-Bike macht aus 15 Kilometern zur Arbeit eine entspannte, bezahlbare Alternative zum Auto. Ein Lastenrad ersetzt das Zweitauto für Einkäufe und Kinder-Transport. Ein gut getakteter Rufbus bringt Menschen von Dörfern zu Bahnhöfen. Und die Technologie entwickelt sich weiter: Integration von autonomen Diensten in den ÖPNV entlastet Verkehrssysteme und ermöglicht nahtlose Nutzung. Voraussetzung? Gestaltungswillige Verantwortliche in Kommunen und Verkehrsunternehmen und eine Gesellschaft, die „raus aus der Autoabhängigkeit“ als Befreiung empfinden darf, weil sie jetzt mehrere Optionen zur Auswahl hat. Das Auto ist dann immer noch da, aber nicht mehr als einziges „Angebot“.
Warum der volle Saal in Kempten zuversichtlich stimmt.
Mehr Menschen als bei Jens Spahn. Das ist die Nachricht, die mich am meisten freut. Weil sie zeigt: Die Menschen auf dem Land wollen nicht länger in diesem autozentrierten System gefangen sein. Sie wollen Wahlfreiheit. Sie wollen Lebensqualität. Sie wollen eine Zukunft, in der ihre Kinder sicher zur Schule gehen und sie im Alter immer noch barrierefrei teilhaben können.
Der ländliche Raum darf nicht autozentriert bleiben.
Nicht, weil wir das Klima retten müssen – obwohl das auch stimmt. Sondern weil Menschen es verdienen, gut zu leben. Egal ob sie Auto fahren können oder wollen.
Kempten könnte Paris sein.
Nicht als Kopie. Sondern als eigene Version einer lebenswerten Stadt, die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Alles, was wir brauchen, sind gestaltungswillige Verantwortliche. Und ein Saal voller Menschen, die das einfordern. Beides habe ich in Kempten gesehen. Das ist gelebte Zuversicht.


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