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Feedback einer rassifizierten Leserin von Autokorrektur

Hallo Frau Diehl,

ich habe Autokorrektur gelesen und möchte Ihnen für dieses Buch sehr herzlich danken! Sie benennen darin Fakten, die ich bisher nicht kannte und die ich als absolut hilfreich empfinde. Die Auszüge aus den Interviews haben mich emotional sehr bewegt und ich bin dankbar dafür, diese unterschiedlichen Perspektiven auf Mobilität kennenlernen durfte. So viele Details haben mich absolut schockiert. Ihr Buch hat mir gezeigt, dass so vieles, das ich jahrzehntelang als normal hingenommen habe, nicht normal ist und dass es ok ist, dass ich mich darüber aufrege. 

Ich danke Ihnen sehr für Ihre wunderbare Vision, Ihre Arbeit und dass Sie sich die Mühe machen, mit den Menschen zu reden statt über sie. 

V.a. seit ich zwei Kinder habe und mir weder ein Auto noch ein eigenes ÖPNV-Ticket leisten kann (ein Auto will ich nicht und in unserer Familie reicht das Geld nur für 1 Ticket das mein Mann braucht, um zur Arbeit zu pendeln), habe ich angefangen, mir über Mobilität sehr viele Gedanken zu machen. Insbesondere darüber, wer uneingeschränkt mobil sein kann und wer nicht. Wir leben in Berlin in einem Stadtquartier, in dem es sehr offensichtlich ist, dass alle Menschen, die nicht der (weißen), männlichen, nicht-behinderten Norm entsprechen, in ihrer Mobilität benachteiligt werden. Zudem führt eine in beide Fahrtrichtungen zweispurige Straße ohne Fahrradweg mitten durch das Wohngebiet in dem sehr viele Kinder und ältere Menschen leben. Obwohl hier bereits ein Kind totgefahren wurde, wurde nichts an der Situation verändert. Jeden Tag, wenn ich die Straße mit meinem dreijährigen Kind und meinem Baby überquere, bin ich schockiert über die Rücksichtslosigkeit der meisten motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen, die wohlwissend der kleinen und älteren Menschen diese Straße als eine Rennstrecke betrachten. Ich versuche über das Quartiersmanagement mit der Hausverwaltung und Verantwortlichen des Bezirks und der Stadt etwas an der Situation zu verändern und obwohl ich sehr wenig erwarte, hat ihr Buch mich darin bestärkt, mich nicht entmutigen zu lassen. 

Zwei Dinge, die mir beim Lesen Ihres Buchs u.a. aufgefallen sind:

  • In unserem Quartier leben sehr viele rassifizierte Menschen und die Anzahl derer, die von Transferleistungen leben, liegt deutlich über dem Berliner Durchschnitt, weshalb das Viertel auch als „Problemviertel“ gilt. Mein Mann ist vor vier Jahren als refugee nach Deutschland gekommen und wenn er die Mittel hätte, würde er sich einen fetten BMW kaufen. Der Fakt, dass ein fetter BMW nicht gut fürs Klima ist und damit nicht gut für die Zukunft seiner eigenen Kinder, ist ihm gar nicht bewusst. Im Vordergrund steht für ihn das Auto als Statussymbol dafür, dass er es in Deutschland zu etwas gebracht hat. Er fährt nicht Fahrrad, zum einen, weil er unsicher ist, weil er in seinem Heimatland nie Fahrradfahren gelernt hat und Radfahren in Berlin echt gefährlich ist und zum anderen, weil es ihm peinlich ist. Ich bin überzeugt, dass es für sehr viele Menschen in meiner direkten Nachbarschaft, ähnlich ist: sie erfahren ihr Leben lang Rassismus, werden von Politiker*innen und den Medien so oft als „Problem“ abgestempelt. Für sie ist das Auto Beweis dafür, dass sie es trotz etlicher Steine, die ihnen in den Weg gelegt wurden/werden, „geschafft“ haben.  Sie werden ständig zu „den Anderen“ gemacht, aber der Mercedes SUV/das Auto passt sie scheinbar der Norm an. Solange autofreie Mobilität wie bei uns im Viertel so unsicher ist und Rassismus, Klassismus und Automobilität so stark miteinander verwoben sind, ist es v.a. in autofreundlichen Wohnquartieren wie dem unseren sehr, sehr schwer, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie auch auf das Auto verzichten oder es zumindest weniger nutzen können. Für mich ist es deshalb auch verdammt schwer, Verbündete für meine Anliegen zu finden, weil ich die Einzige zu sein scheine, die sich Stellplätze für Fahrradanhänger wünscht und Lastenräder zum Ausleihen. 
  • Sie sprechen in Ihrem Buch mehrmals davon, dass die meisten Menschen logischerweise lieber Urlaub dort machen, wo es entspannt und ruhig ist, dass Autoverkehr ein Stressfaktor ist, von dem wir uns im Urlaub (unbewusst) erholen wollen und dass es doch viel besser wäre, wenn unsere unmittelbare Wohnumgebung so gestaltet wäre, wie wir uns das für den Urlaub wünschen. Ich finde es so wichtig, dass sie das sagen, weil das Ding ist: Menschen, die es sich nicht leisten können, in den Urlaub zu fahren, sind sehr oft diejenigen, die in besonders belasteten Wohnquartieren leben (Lärm, Feinstaubbelastung, wenig Grünflächen etc.). Diese Menschen können sich von der sie belastenden Umgebung gar nicht erholen, weil sie es sich schlicht nicht leisten können ab und zu mal dorthin zu fahren, wo es schön ist. Sie sind komplett darauf angewiesen, dass politische Maßnahmen ergriffen werden, die ihre Umgebung lebenswerter machen und zwar ohne den Effekt, dass dadurch eine Gentrifizierung einsetzt und sie es sich nicht mehr leisten können, in den dann vielleicht autofreieren Gegenden zu leben, in denen dann aber die Mieten extrem hoch sind. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Zusammenhang von politischer Seite gesehen wird. 

Sorry für diese sehr lange E-Mail! 

Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und Freude für Ihre Arbeit. Machen Sie weiter Druck. Es ist so wichtig. 

Ein Gedanke zu „Feedback einer rassifizierten Leserin von Autokorrektur“

  1. Pingback: Gedanken zur Autokorrektur #11. – Katja Diehl

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