München im Waymo-Hype. Faktencheck. Schuf das Google-Angebot bisher Teilhabe, Verkehrsentlastung und Inklusion? Aka. Lösungen statt Probleme? Blaues Sharepic mit weißer und gelber Schrift und einem roten und einem türkisen angedeuteten Kreis.

Sechs Jahre Waymo: keine Entlastung, Teilhabe nur für manche, keine Barrierefreiheit.

Seit Oktober 2020 ist Waymo ohne Menschen am Steuer im öffentlichen Straßenraum unterwegs, zuerst in Phoenix, inzwischen auch in San Francisco, Los Angeles, Austin und Atlanta. Allein in Kalifornien wurden zwischen August 2023 und Dezember 2025 knapp 13,8 Millionen Fahrten für 19,3 Millionen Fahrgäste auf 86,3 Millionen Meilen (rund 139 Millionen Kilometer) absolviert. Deshalb lohnt es sich, eine Bilanz nicht mit Blick auf die Technik, sondern auf das, was versprochen wurde, zu ziehen: weniger Verkehr, mehr Mobilität für alle und (von mir frech ergänzt) Barrierefreiheit, also Teilhabe aller Gruppen. Ich habe mir die aktuelle Studienlage dazu angesehen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Umso verstörender der Jubel, der den Start in München begleitet. Aber vielleicht habe ich einfach nur wieder nicht verstanden, welches Problem Waymo in dieser Stadt mit gutem Nahverkehr und immer mehr Radwegen lösen soll. Männer versuchen es, mir zu erklären, vor allem auf LinkedIn.

Naja, eigentlich sind es eher augenrollende Emojis, weil ich (in) Frage(n) stelle. Zum Beispiel, warum auf kinderfreundliche Räume verzichtet werden soll. Denn die werden weiterhin nicht dort spielen können, wo motorisierte Vierräder rollen.

Aber wie gesagt, ich suche noch nach den Vorteilen. Und habe natürlich auch Ideen: Ländlicher Raum, Lückenschluss bei weiten Entfernungen zu Haltestellen – halt Mobilität erschaffen, wo es grad nur Autoabhängigkeit gibt.

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Ja aber HUCH! Eine Analyse aus dem August 2026 kommt zu dem Schluss, dass Robotaxi-Anbieter von der Nachfragedichte abhängig sind und deshalb nur in urbanen Räumen wirtschaftlich operieren können. Leerfahrten und tote Zeiten zerstören die Auslastung. Self-Driving Cars Learn Mostly in Cities, and That Gap Is Now Measurable – noooo wayyyy! Neokapitalistische Plattformgiganten machen Stakeholderdinge und wir lassen sie ohne Bedingungen parallel zu allem fahren, was eh schon fährt? Dann aber bestimmt barrierefrei odeR?

Fast die Hälfte der Strecke ohne Fahrgäste.

Die wichtigste Zahl stammt aus einer Auswertung der ersten 1.000 Tage des kommerziellen Robotaxi-Betriebs in Kalifornien von Mai diesen Jahres. Demnach wurden nur 54 Prozent der zurückgelegten Meilen mit Fahrgast an Bord gefahren. 46 Prozent entfallen auf Leerfahrten, also den Weg zum nächsten Fahrgast, die Suche nach dem nächsten Auftrag und die Fahrt zum Depot. Laut einer älteren Studie aus 2019 kommen auch konventionelle Ride-Hailing-Dienste auf mehr als 40 Prozent Leerfahrten. Waymo ist damit nicht grundsätzlich anders – nur ohne Fahrer:innen. Ja puh. Wer Entlastung verspricht, aber knapp die Hälfte der Strecke ohne Fahrgast fährt, entlastet nicht. Er fügt dem Verkehr weitere Fahrzeuge – äh ich meine Autos – hinzu.

*Fairerweise muss man dazu sagen: Im ersten Monat waren nur 36 Prozent der Strecke besetzt, seit Mitte 2025 sind es etwa 55 bis 57 Prozent und die Leerzeit zwischen zwei Fahrten sank von 28 auf 18 Minuten. Es wird also besser. Aber eben nicht gut.

Das Sam Schwartz Transportation Research Program am Hunter College hat gemeinsam mit der Organisation Open Plans im Juli 2026 für New York durchgerechnet, was eine unregulierte Einführung bedeuten könnte. Laut der Studie legt Waymo pro Fahrgastkilometer 1,71 Fahrzeugkilometer zurück, die bestehende New Yorker Flotte der Fahrdienste mit hohem Fahrtenaufkommen hingegen nur 1,49. Das ist eine Lücke von 15 Prozent. Die University of Texas in Arlington kommt auf sechs Prozent mehr Fahrleistung in US-Städten bei einem großen Umstieg auf autonome Fahrzeuge und auf mehr als fünf Prozent, wenn Menschen vom eigenen Auto auf geteilte Robotaxis umsteigen. Ein Review in „npj Sustainable Mobility and Transport” vom April 2026 nennt induzierte Nachfrage und Leerfahrten als Treiber von mehr Stau und warnt, der ÖPNV könne Fahrgäste verlieren.

Ein Blick auf das klassische Ride-Hailing zeigt, wie ernst dieses Risiko ist. Eine Studie der UC Davis ergab für die Jahre 2018 und 2019 in Kalifornien, dass rund 47 Prozent der Uber- und Lyft-Fahrten eine Fahrt mit Bus, Bahn, Rad, zu Fuß oder in einer Fahrgemeinschaft ersetzten. Weitere sechs Prozent waren Fahrten, die sonst gar nicht stattgefunden hätten. Für Robotaxis liegen vergleichbare Zahlen noch nicht vor. Ich halte es jedoch für wahrscheinlich, dass es sich dort nicht grundsätzlich anders verhält. Und jetzt sagt ihr bestimmt: Ist doch legitim, wenn ich endlich dem shyce Bus entkommen kann! Hmmmmjaaaa? Wollen wir wirklich ein System marodieren, das auf Teilhabe beruht, also mit gut ausgelasteten Verbindungen jene in weniger nachgefragte Gebiete finanziert, nicht von Stakeholder-Wünschen, sondern Kund*innen-Bedürfnissen getrieben und – da ist es schon wieder – barrierefrei(er) ist? Es mag ja sein, dass du genug Geld hast, um vom Bus in den Waymo zu hüpfen (und keine Behinderung) – aber das ist nicht allen möglich. Und ich mag schon, dass eine gute Mobilität der Zukunft mehr Menschen mobilisiert als es heute der Fall ist. Du auch?

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Waymo wird nicht an weniger nachgefragten Regionen schon in der Stadt interessiert sein. Lustig auch deren Argumente. n einem Gastbeitrag vom 13. August 2026 schreibt eine Waymo-Policy-Managerin, die Sorge vor Leerfahrten sei berechtigt, die Studie behandle aber die Dichte Kaliforniens als direkt vergleichbar mit New York. Waymo trage die Kosten jeder Leerfahrt selbst (wie nett!), und ein von Waymo in Auftrag gegebenes Modell sehe durch Parken am Straßenrand mehr als 60 Prozent weniger Leerfahrten (ahnt ihr was? Aus dem Raum wird KEIN Radstreifen). Das ist zudem keine Entkräftung der Zahlen.

Wo Robotaxis ankommen: dort, wo ohnehin viel ist

In der Fachzeitschrift Transportation erschien im April 2026 eine Analyse der Robotaxi-Nachfrage in San Francisco für September 2023 bis August 2024 nach Quartieren. Demnach ist (SURPRISE!) die Nachfrage in Gebieten mit höherem Medianeinkommen, guter Fußgänger*innenfreundlichkeit und gemischter Nutzung höher. Am höchsten daher in der Innenstadt und in bei touristisch beliebten Gegenden, am niedrigsten in benachteiligten Quartieren. Ungleichheit wird durch Robotaxis nicht verursacht, sondern manifestiert. Das Angebot wird dort platziert, wo es ohnehin schon viel gibt, und nicht dort, wo es am dringendsten benötigt wird.

Das ist das *TROMMELWIRBEL* Geschäftsmodell! Wer gut verdient und gut versorgt ist, fährt Robotaxi. Wer auf Assistenz, bezahlt mit Ausgrenzung. Markteskalative lieben das!

Für wen ist die Zukunft nicht gemacht?

Die härteste Kritik kommt von den Menschen, die ausgeschlossen werden. Keines von Waymos Automodellen ist rollstuhlgerecht und es gibt demnach keine Pläne für ein autonomes, rollstuhlgerechtes Fahrzeug. Rollstuhlgerechte Fahrten bietet Waymo nur als separaten Service mit menschlichen Fahrer*innen in anderen Fahrzeugen an, in San Francisco über einen externen Auftragnehmer. Bei einer Anhörung im US-Senat am 4. Februar 2026 sagte Senatorin Tammy Duckworth, den Unternehmen für autonomes Fahren werde zu viel „lip service” zur Barrierefreiheit entgegengebracht. Sie forderte Waymo auf, so schnell wie möglich ein universelles, automatisiertes Rollstuhlmodell auf den Markt zu bringen. Tick tock tock Tick.

In Las Vegas hat die Rollstuhlnutzerin und Aktivistin Kelsey Brickl aus New York die Überprüfung von Waymos Genehmigung beantragt. Die Nevada Transportation Authority hatte am 21. August 2026 einstimmig die Zulassung von bis zu 1.000 vollautonomen Fahrzeugen für ein Jahr erteilt. Brickl möchte den Start aussetzen lassen, bis Waymo erklärt, wie Menschen mit schwerem Elektrorollstuhl befördert werden sollen. Die Behörde verweist jedoch darauf, dass Außenstehende eine Entscheidung nur gerichtlich anfechten können. Ihre Reiseplanung zeigt, was die Alternative kostet: Ein Anbieter nannte 373 Dollar pro Strecke für ein Fahrzeug mit Rampe und legte auf, als sie den Preisunterschied zu einem normalen SUV hinterfragte. Ein anderer Anbieter nahm Rollstühle nur bis 300 Pfund mit, für rund 254 Dollar. Das Hotel bot ein „VIP-Ankunftspaket“ für 1.000 Dollar an. Waymo beantwortete die Fragen zum Zugangskonzept nicht, sondern erklärte, man werde die geltenden Vorgaben einhalten und prüfen, wie der Dienst in Las Vegas zugänglicher werden könne.

Im Februar 2026 kritisierte Disability Rights Oregon den Gesetzentwurf HB 4085 für ein landesweites Regelwerk für autonome Dienste. Demnach müssten diese zwar Menschen mit Behinderung ihre Dienste anbieten, sie aber nur an andere Anbieter verweisen, wenn „kein passendes Fahrzeug verfügbar ist“. Die Organisation spricht von einem Zwei-Klassen-System. Die übliche Weiterschiebefiktion.

Fairerweise: Weitere Details, die mich dennoch nicht von meinem Fazit abbringen 😀

Sicherheit: Die Hunter-Studie nennt für Waymo landesweit rund 67 Prozent weniger Unfälle mit Verletzten pro Million Meilen als bei den New Yorker Fahrdiensten. Bei Getöteten und Schwerverletzten liegt Waymos Rate dagegen beim 1,5-Fachen der New Yorker Flotte, in der Bay Area bei mehr als dem Dreifachen. Die Autor*innen sagen selbst, dass Fahrleistung und Datenlage für ein eindeutiges Urteil nicht ausreichen: „the case is not yet settled“.

Was eine Verkehrswende stattdessen braucht

Die Bilanz liest sich wie folgt: Knapp die Hälfte der Strecke wird leer gefahren, mit sinkender Tendenz. Das Angebot kommt dort an, wo ohnehin viel los ist. Und für Menschen, die nicht aus ihrem Rollstuhl umsteigen können, gibt es den autonomen Dienst schlicht nicht. Das ist Ridehailing mit einem Fahrsystem, das nie müde wird und nie ein Trinkgeld erwartet. Wo Robotaxis fahren, sollten andere ohne Auto nicht unterwegs sein, so auch Kinder. Wollen wir das?

Was Entlastung tatsächlich bedeutet, ist seit Jahrzehnten bekannt: Dazu gehören Kapazität auf der Schiene, ein getakteter ÖPNV auch abends und am Wochenende, barrierefreie Bahnsteige mit redundanten Aufzügen, sichere Radwege sowie eine Mobilitätsgarantie mit Sozialticket. Ich habe nichts gegen Technik. Ich habe etwas dagegen, dass Menschen, die die Mobilität in unseren Städten planen, den Versprechen von Techgiganten glauben, die im Popo von Donald Trump wohnen – nachweislich. Lasst uns Technik daran messen, wer damit ankommt, und das Geld dorthin lenken, wo es allen nützt: in Bahnsteige mit Aufzug, in Takt, in sichere Wege. Dort fängt Teilhabe an.

Quellen

Waymo: Fully driverless service in Phoenix (Oktober 2020): https://waymo.com/blog/2020/10/waymo-is-opening-its-fully-driverless-service-in-phoenix/

Abdelhalim: Millions of Trips, Waymo Empty Miles (Findings, Mai 2026): https://findingspress.org/article/161870.pdf

Streetsblog California: Leerfahrten, Juni 2026: https://cal.streetsblog.org/2026/06/07/why-robot-driverless-taxis-spend-as-much-time-without-passengers-as-normal-taxis-study-shows

Open Plans / Hunter College: Robotaxis in New York City (Juli 2026): https://www.openplans.org/press-releases/new-study-robotaxis-in-new-york-city-could-spike-congestion-and-have-limited-safety-benefits

Waymo-Gastbeitrag auf Streetsblog USA (13. August 2026): https://usa.streetsblog.org/2026/08/13/waymo-speaks-we-have-more-in-common-with-urbanists-than-you-might-think

Planetizen: UT Arlington, plus 6 Prozent Fahrleistung (März 2026): https://www.planetizen.com/news/2026/03/137132-study-self-driving-cars-could-raise-vmt-6-increasing-congestion

npj Sustainable Mobility and Transport: Automated vehicles and local policy (April 2026): https://www.nature.com/articles/s44333-026-00095-3

UC Davis: Hälfte der Uber- und Lyft-Fahrten ersetzt nachhaltigere Optionen: https://www.ucdavis.edu/news/half-uber-lyft-trips-replace-more-sustainable-options

Loa, Lee, Circella: Just another ride-hailing? Robotaxi demand in San Francisco (Transportation, April 2026): https://link.springer.com/article/10.1007/s11116-026-10751-9

Wheelchair Travel: Autonomous taxis and state preemption laws (April 2026): https://wheelchairtravel.org/autonomous-taxis-not-accessible-state-preemption-laws/

Senatorin Duckworth: Tesla und Waymo, Anhörung 4. Februar 2026: https://www.duckworth.senate.gov/news/press-releases/duckworth-pushes-tesla-and-waymo-to-ensure-autonomous-vehicles-are-safe-and-accessible-for-all-americans

Nevada Current / News from the States: Waymo und Rollstuhlnutzende (September 2026): https://www.newsfromthestates.com/article/waymo-expands-fleet-some-wheelchair-users-will-be-left-curb-says-advocate

Disability Rights Oregon: Stellungnahme zu HB 4085 (Februar 2026): https://apps.oregonlegislature.gov/liz/2026R1/Downloads/PublicTestimonyDocument/243234

SaportaReport: Waymo is coming to Atlanta, but not for everyone (September 2024): https://saportareport.com/waymo-is-coming-to-atlanta-but-not-for-everyone/columnists/delaney-tarr/delaneytarr/

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