Diese Woche liefen zwei Geschichten parallel durch meine Timeline. Und nicht mehr aus meinem Kopf (haha!). Da es mir immer hilft, den Kopf zu leeren, wenn ich meine Gedanken aufschreibe und formuliere, mache ich das an dieser Stelle. Und nein, ihr habt nix verpasst, wenn ihr einen der beiden Vorfälle nicht mitbekommen habt. Dennoch machen mich diese Details besorgt, denn sie häufen sich seit längerer Zeit. Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander zu tun. Die eine spielt in einem ausverkauften US-Football-Stadion, die andere in den Instagram-Stories deutschsprachiger Creator:innen. Die eine handelt von einem Weltstar und einem Milliardär, die andere von vier Typen mit Bärten und guten Absichten. Bei genauerer Betrachtung erzählen jedoch beide dieselbe Geschichte: die Geschichte einer Broligarchie, die uns gelehrt hat, dass Reichweite wichtiger ist als Haltung.
Wenn du dazu ein Hörbuch hören möchtest, ich habe es auf Insta eingesprochen 🙂
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Fall 1: Ein Anruf, eine 13-jährige Freundschaft, keine Gegenwehr.
Am 4. September 2026 trat Macklemore im Vorprogramm von Ed Sheerans „Loop Tour“ im MetLife Stadium in New Jersey auf. Er rief „Free Palestine”, ließ Aufnahmen aus Gaza über die Leinwand laufen und performte seinen Song „Hind’s Hall”. Es war nicht das erste Mal, dass Macklemore sich auf diese Weise engagierte: Er setzt sich seit Jahren für die Palästinenser ein und hat zwei Songs zu diesem Thema veröffentlicht.
Wenige Tage später: In einem ausführlichen Instagram-Statement legte Macklemore den Grund offen: Robert Kraft, Besitzer der New England Patriots und des Gillette Stadiums, hatte Ed Sheeran persönlich angerufen. Sie sollten in seinem Stadium später im Monat spielen. Kraft ließ ausrichten, dass Macklemore dort nicht auftreten dürfe. Er hatte, so Macklemore, „einige der anderen Stadionbesitzer versammelt”, die Sheeran gemeinsam ein Ultimatum stellten: „Bleibt Macklemore auf der Tour, spielt ihr in unseren Häusern nicht mehr.”
Sheeran traf die Entscheidung, Macklemore rauszuwerfen. In seinem Statement beschreibt Macklemore, was ihre Freundschaft ausmacht – und was sie nicht überstanden hat.
„Ed is my friend. I’ve known him for 13 years. We’ve shared late nights, studio sessions and stages. He has this infectious magic about him that I’ve grown to love. I consider him a brother. And because of that, we’ve had some difficult conversations this past week. […] But as I told Ed multiple times on the phone, our friendship can’t change my responsibility to tell the truth about what happened.“
Sheeran selbst positionierte sich öffentlich als „apolitisch“. Was in dieser Erzählung fehlt, ist eine naheliegende Option: Sheeran hätte sich hinter seinen Support-Act stellen und notfalls das Ultimatum ausschlagen können. Robert Kraft ist mit einem geschätzten Vermögen von 15,2 Milliarden Dollar die Nummer 201 der reichsten Menschen der Welt , aber auch Ed Sheeran zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Musikern der Gegenwart. Beide hätten sich eine Konfrontation leisten können. Nur einer von beiden hat sie gesucht.
Wer nach ähnlichen Vorfällen in Deutschland suchen möchte, findet den aktuellsten unter den Stichworten Alphaville, Glücksgefühle, Podolski.
Fall 2: Vier weiße Männer gründen Vielfalt
Fast zeitgleich passierte auf Instagram etwas, das medial kaum auftauchte, in den Stories und Kommentarspalten deutschsprachiger Creator aber hohe Wellen schlug: Vier reichweitenstarke Männer veröffentlichen ein Announcement-Video zur Gründung eines „Antifascist Creator Club“.
Die Kritik kam schnell, unter anderem von Jana Heinicke (@janaheinicke), die es so zusammenfasste:
„Alles, was ich getan habe, war die Gründung eines Kollektivs für Vielfalt durch vier weiße cis Männer, reichweitenstarke Creatoren, zu kritisieren. Weil die Idee an sich gut sein mag – aber die Umsetzung die Idee ad absurdum führt. Ich hätte nicht gedacht, dass das 2026 ein kontroverser Take ist.“
Für diese im Grunde banale Beobachtung bekam Heinicke nach eigener Aussage erheblichen Gegenwind: Ihr wurde Spaltung, Neid und die mutwillige Zerstörung einer „Bewegung” vorgeworfen. Die Autorin des „Feministischen Tagebuchs“ griff dies in ihrer Kolumne auf und stellte die eigentlich naheliegende Frage, die im gesamten Vorgang nie beantwortet wurde.
„Denn warum haben vier weiße cis Männer dieses Projekt miteinander gegründet? Wurde darüber gesprochen, dass Perspektiven fehlen? […] Wie kann jemand gleichzeitig davon überzeugt sein, dass Antifaschismus ‚untrennbar mit Vielfalt und Intersektionalität verbunden‘ ist, und diesen Anspruch bei der eigenen Gründungsstruktur derartig ausblenden?“
Ihr Fazit trifft den Kern dessen, worum es in diesem Beitrag geht:
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„Wenn am Ende vor allem reichweitenstarke Männer andere reichweitenstarke Männer featuren, gemeinsam Reichweite akkumulieren und sich anschließend gegenseitig bestätigen, dass sie damit gerade eine Bewegung aufbauen, haben sie eindeutig einen Creator Club gegründet. Politische Praxis ist das aber noch lange nicht.“
Auch die Publizistin Veronika Kracher ordnete den Vorgang ein und verdeutlichte den Unterschied zwischen digitaler Selbstinszenierung und tatsächlicher politischer Arbeit.
„Digitale Räume können vielleicht als VORRAUM kollektiv organisierter emanzipatorischer Praxis wirken. Aber letztendlich ist das, was auf Social-Media-Plattformen passiert, deren Markt- und Verwertungslogik unterworfen – und die basiert nunmal auf Selbstinszenierung anstatt auf kollektiv organisierter linksradikaler Praxis. […] Jede Theken- oder Türschicht auf einer Soli-Party […] hat mehr politischen Gehalt als was irgendwelche bauchlinken Internetmänner stolz als IHR NEUES GEILES INSTAGRAM-PROJEKT vor sich hertragen.“
Das Projekt gilt mittlerweile als beendet.
Ich habe mich sowohl unter dem Ankündigungsvideo als auch in den Beiträgen der vier Personen eingemischt, gerade auch, weil diese, wie leider viel zu viele bei Instagram, ihre Kommentarspalte (Reichweite!!! Weil polarisierend!!!) komplett alleine ließen, in dieser aber selbst aktiv waren, was die zahlreichen Likes an Kommentaren, die ihnen gefielen, zeigten. Ich wurde diffamiert, ableistisch beleidigt und mir wurden Anzeigen angedroht. Insgesamt das Gegenteil von einem „safe space”, den ein antifaschistischer Ort immer sein sollte.
Was beide Fälle verbindet – und was sie unterscheidet
Es wäre natürlich zu kurz gedacht, beide Geschichten als dasselbe Symptom abzutun. Das sind sie nicht. Bei Kraft und Sheeran verhindert Geld Haltung – ein Milliardär bringt eine unbequeme Stimme zum Schweigen und der hundertfache Millionär hält nicht dagegen. Trotz über zehnjähriger Freundschaft. Bei den vier Creatorn erzwingt der Wunsch nach Reichweite eine verzerrte Haltung: Sie wollen für ein wichtiges Thema sichtbar sein, ohne die eigentliche Arbeit zu leisten, die dieses Thema verlangt. Und hier funktioniert die Verantwortlichkeit: Die Kritik war berechtigt, sie wurde öffentlich geäußert und sie hat gewirkt.
Der gemeinsame Nenner liegt woanders: Beide Prozesse laufen auf Plattformen ab, die von den Männern entworfen wurden, die heute zu den mächtigsten Menschen der Welt zählen – die sogenannte Broligarchy. Diese Logik sorgt dafür, dass Geld ungestört durchregieren kann (Kraft/Sheeran). Und sie sorgt dafür, dass selbst gut gemeinter Aktivismus in Reichweiten- statt Strukturdenken abrutscht (die vier Creator). Ein System, zwei Symptome.
Wir alle sind mit Zuckerbergs Metriken in diesem System groß geworden. Sie haben uns beigebracht, dass sich Wichtigkeit in Likes, Followern und Algorithmus-Reichweite bemisst – nicht in echter Wirkung für diejenigen, die am dringendsten Veränderung brauchen.
Warum mich das etwas angeht
Ich bin die Stimme für eine intersektionale Mobilitätswende. Ich kümmere mich um Kinder, alte Menschen, Menschen mit Behinderung und Arme – also all jene, die in der Verkehrspolitik regelmäßig vergessen werden – ebenso wie um Perspektiven von BIPoC und queeren Menschen. Wenn ich diese beiden Vorgänge nebeneinanderlege, erkenne ich ein Muster, das auch mein Themenfeld betrifft: wie leicht Haltung gegen Reichweite eingetauscht wird, sobald eine Plattform, ein Algorithmus oder ein Geldgeber Druck ausübt.
Reichweite ist nicht gleich Wirkung. Applaus ist nicht Wandel. Ein Kollektiv, das Vielfalt im Namen trägt, diese aber nicht in seiner Struktur umsetzt, schafft das Gegenteil von politischer Praxis – genauso wenig wie ein Popstar, der einer unbequemen Wahrheit lieber aus dem Weg geht, als sie auszuhalten.
Die Frage, die am Ende bleibt: Wie oft lassen wir das noch durchgehen, weil wir selbst in derselben Reichweiten-Logik gefangen sind?
Quellen:
[1] Fox News – Macklemore doubles down after being kicked off Ed Sheeran tour [2] Fox News/OutKick – Robert Kraft, Gillette Stadium boot Macklemore from Ed Sheeran tour [3] Rolling Stone – Macklemore Dropped From Ed Sheeran’s ‚Loop Tour‘ After Onstage ‚Free Palestine‘ Statements [4] Macklemore, Instagram-Statement (Screenshot/Story, 14.9.2026) – @macklemore [5] NBC News – Macklemore says he was dropped from Ed Sheeran tour after Patriots owner Robert Kraft organized boycott [6] Net-Worth-Tracker, Stand 15.9.2026 (Screenshot) – Robert Kraft, Kraft Group [7] @feministisches.tagebuch, Instagram-Story/Kolumne „Sonntagstext“ (Screenshot) – instagram.com/feministisches.tagebuch [8] Veronika Kracher (@veronika_kracher), Instagram-Story (Screenshot) – instagram.com/veronika_kracher
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