Es ist ein Bild, das sich jedes Jahr wiederholt: Die Straßen sind geräumt und gestreut, Autos gleiten problemlos durch den Wintermorgen. Auf den Gehwegen aber kämpfen sich Menschen durch Schneematsch und Eisplatten, Radwege bleiben unbefahrbar. Und Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator? Die bleiben gleich ganz zu Hause. Hast du in den letzten Schneetagen auch nur eine einzige Person im Rollstuhl draußen gesehen?
Diese Priorisierung ist nicht nur ungerecht – sie ist volkswirtschaftlich absurd und gesundheitspolitisch fahrlässig.
Der wahre Preis nicht geräumter Fuß- und Radwege
Die Schweizer Unfallversicherung Suva zählt jeden Winter rund 20.300 Sturzunfälle auf Eis und Schnee – allein im Pendlerverkehr zwischen 6 und 8 Uhr morgens passiert ein Viertel davon. An einzelnen Schneetagen verzeichnen Schweizer Unfallversicherer bis zu 2.000 Sturzunfälle – viermal mehr als an anderen Tagen. Die Kosten: bis zu 10 Millionen Franken an einem einzigen Tag. Bei 28 Prozent der Fälle kommt es zu Verstauchungen, Zerrungen oder Sehnenrissen. Jeder fünfte Sturz hat Knochenbrüche zur Folge. Manche sind so gravierend, dass eine Invalidenrente gesprochen wird.
Und wer trägt das größte Risiko? Nicht die, die warm und sicher im Auto sitzen. Sondern die Vulnerablen: Ältere Menschen, Kinder auf dem Schulweg, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Radfahrende. Also genau jene, die wir eigentlich besonders schützen sollten.
Andere Städte machen es vor
Viele Städte haben das längst erkannt und die Räumung – im wahrsten Sinne – vom Kopf auf die Füße gestellt: Erst werden die Wege für Muskelmobilität geräumt, dann die Straßen für Kraftfahrzeuge.
Oulu, Finnland – die inoffizielle Welthauptstadt des Winterradverkehrs – zeigt, wie es geht: Bei 930 Kilometern Radwegen werden die wichtigsten 165 Kilometer binnen drei Stunden nach Schneefall geräumt. Sobald es zwei Zentimeter sind, muss der Weg in dieser Zeit geräumt werden. Die Stadt komprimiert den Schnee zu einer dünnen, griffigen Schicht und verzichtet komplett auf umweltschädliches Salz. Das Ergebnis: 12 Prozent aller Wege werden auch im tiefsten Winter mit dem Rad zurückgelegt – bei durchschnittlich -15 Grad und acht Monaten Winter. 52 Prozent der Wege zu Schulen und Universitäten erfolgen per Fahrrad. Die Kosten für diese erstklassige Winterwartung: etwa 3.200 Euro pro Kilometer und Jahr. 1.000 Kilometer Radwege, vom Autoverkehr getrennt, nicht bloß auf die Fahrbahn gepinselt. Viele verlaufen über eigene Trassen, wo man sich sicher fühlen kann, frei von Lärm und Abgasen. Die meisten liegen mindestens drei Meter neben der Autofahrbahn, aber zumindest mit einem Bordstein gesichert.
Kopenhagen priorisiert in seiner Radweg-Strategie explizit „prioritized snow removal“ auf seinem PLUS-Netz – den wichtigsten Radverbindungen. 80 Prozent der Kopenhagener*innen radeln auch im Winter, weil die Stadt konsequent ihre Radinfrastruktur von Schnee freihält. Die Stadt investiert über 600 Millionen Kronen in Rad-Infrastruktur und hat verstanden: Wer Radwege räumt, signalisiert Verlässlichkeit.
Die Logik dahinter ist simpel: Wer zu Fuß geht oder Rad fährt, ist schutzlos. Wer im Auto sitzt, hat Knautschzone, ABS und Airbag. Menschen auf Muskelmobilitätswegen brauchen den Schutz dringender – also bekommen sie ihn zuerst.
Inklusion statt Winterausschluss
Der Nebeneffekt: echte Inklusion. Plötzlich können auch Menschen mit Rollator wieder zum Bäcker. Menschen im Rollstuhl kommen zur Arbeit. Kinder können sicher zur Schule radeln. Das ist gelebte Teilhabe statt Winter-Ausschluss.
Das Gesetz ist klar – die Praxis gefährlich
Rechtlich ist die Sache eindeutig: Wenn der Radweg nicht geräumt ist, endet die Benutzungspflicht (BGH-Urteil). Radfahrende dürfen dann auf die geräumte Straße ausweichen.
Doch in der Realität wird diese gesetzliche Regelung zur Gefahrenzone. Denn viele Autofahrende wissen das nicht – oder wollen es nicht wissen. Die Folge: Aggression, Hupen, gefährliche Überholmanöver, Bedrohungen. Radfahrende werden dafür bestraft, dass Kommunen ihre Wege nicht räumen.
Das muss aufhören. Aufklärung ist dringend nötig – aber noch dringender ist die richtige Priorisierung beim Winterdienst.
Was muss passieren – ein Appell
An die Kommunen, Städte und Gemeinden:
Ändert eure Priorisierung. Jetzt. Nicht aus Ideologie, sondern aus Verantwortung für die Schwächsten. Die vermeintlichen Mehrkosten für besseren Winterdienst sind ein Bruchteil dessen, was nicht geräumte Wege an Unfallkosten verursachen. Rechnet ehrlich: Ein einziger Schneetag mit 2.000 Sturzunfällen kostet die Gesellschaft Millionen – für Krankenhausaufenthalte, Reha, Arbeitsausfälle, Invalidenrenten.
Investiert in die richtige Ausrüstung. Kleinere Schneepflüge für Rad- und Gehwege sind verfügbar und bewährt – fragt in Oulu nach.
Denkt Inklusion mit. Winterdienst ist Teilhabepolitik. Wer Gehwege nicht räumt, schließt Menschen aus. Punkt.
Klärt auf. Startet Kampagnen, die Autofahrende darüber informieren, dass Radfahrende auf der Straße fahren dürfen, wenn der Radweg unbefahrbar ist. Macht das Gesetz sichtbar – zum Schutz aller.
Der Winter zeigt jedes Jahr aufs Neue, wessen Mobilität uns wichtig ist – und wessen nicht. Es ist Zeit, das zu ändern. Nicht aus Nettigkeit, sondern weil es klüger, gerechter und letztlich günstiger ist.
Denn nur eine Stadt, die ihre Vulnerablen schützt, ist eine Stadt für alle.


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