Ein Mann ist zufrieden. Ulrich Siegmund, der frisch gekürte Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, sagte gestern auf einer Pressekonferenz, man brauche die Bundeswehr und Rüstungsunternehmen auch für die Remigration. Die Produktion von Rüstungsgütern dürfe nicht pauschal verteufelt werden, schließlich benötige man bei „späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven” entsprechende Hilfsmittel. Waffen für Abschiebungen – offen ausgesprochen auf einer Pressekonferenz. Während dieser Satz durch die Nachrichten geht, passiert im Hintergrund genau das, was ihn möglich macht: Die deutsche Auto- und Zulieferindustrie rüstet um. Und auf. Und das nicht in homöopathischen Dosen, sondern als Trend, als neue Geschäftsstrategie, als das, was uns gerade als „rationale Lösung” verkauft wird.

Osnabrück: Von der Friedensstadt zur Kriegsstadt
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Fangen wir mit VW in Osnabrück an. Ein Werk sei gerettet, heißt es. Der israelische Rüstungskonzern Rafael will dort künftig Komponenten für Flugabwehrsysteme wie den „Iron Dome” fertigen. VW-Konzernchef Blume hat in der Vergangenheit immer wieder betont, es gebe „intelligentere Lösungen” als Werksschließungen – und diese Lösung heißt jetzt: Rüstung statt Autos. Sogar Großaktionär Katar hat zugestimmt. Was für ein Satz.
Osnabrück nennt sich seit Jahrzehnten stolz „Friedensstadt”. Jürgen Grässlin bringt auf den Punkt, was das bedeutet: „Lange Jahrzehnte ist man stolz auf dieses Label, und jetzt hat man offenbar kein Problem damit, zur kriegsunterstützenden Kriegsstadt zu verkommen.” Ein ziviler Autokonzern wird gegen einen israelischen Rüstungshersteller ausgetauscht. Laut Grässlin ist dieser „massiv involviert in die schwerst menschenrechtsverletzenden Aktivitäten seines Staates, u. a. in Gaza und im Westjordanland”. Das sei moralisch außerordentlich bedenklich, sagt er. Ich finde: Das ist es.

Mercedes, Schaeffler, Deutz… Der Rüstungsvirus ist pandemisch.
Osnabrück ist kein Einzelfall, sondern Symptom. Mercedes-Benz, seit Langem Bundeswehr-Lieferant, kooperiert jetzt mit dem Drohnen-Start-up Tytan Technologies. Der Zulieferer Deutz arbeitet mit Arx Robotics zusammen, einem Spezialisten für unbemannte Kettenfahrzeuge. Die Schaeffler-Gruppe kooperiert mit dem Drohnen-Start-up Helsing, dessen Wettbewerber Quantum Systems wiederum mit Daimler Truck zusammenarbeitet. Das ist eine Blaupause, die gerade in der gesamten Branche kopiert wird.
Und die Liste lässt sich fast beliebig verlängern:
Dräxlmaier baut in Landau an der Isar Missionsmodule für den Boxer, KNDS übernimmt die Endmontage in München – Ziel sind bis zu zehn Radpanzer pro Monat.
Bei ZF galt die Wehrtechnik lange als diskretes Zweitgeschäft. Der Zulieferer liefert Antriebs- und Lenktechnik für den Radpanzer Boxer, das Sekundärgetriebe des Kampfpanzers Leopard 2 sowie Motoren für den Schützenpanzer Puma. Für die nächste Panzergeneration greift ZF nach mehr: Gemeinsam mit Rolls-Royce Power Systems entwickelt der Konzern das elektrifizierte Lenkgetriebe eLSG 5000 für das Main Ground Combat System – den deutsch-französischen Nachfolger von Leopard und Leclerc. Den Auftrag hat das Beschaffungsamt der Bundeswehr vergeben.
Der fränkische Automobilzulieferer Schaeffler will neue Wege gehen: „Wir werden ein Unternehmen mit Rüstungsgeschäft“, kündigte Konzernchef Klaus Rosenfeld an. Bereits vor einigen Wochen hatte das Unternehmen seine Kooperation mit dem Drohnenbauer Helsing bekannt gegeben. Beim sogenannten Rüstungsgipfel in Berlin unterzeichneten beide Unternehmen eine entsprechende Absichtserklärung. Ziel ist es, die Drohnenfertigung von Helsing auszubauen und dabei von der Expertise Schaefflers in der Herstellung und Beschaffung von Elektronikkomponenten sowie der Sicherung kritischer Lieferketten zu profitieren. Die Kooperation mit der Münchner Softwarefirma ist zugleich eine strategische Entscheidung von Schaeffler, um sich angesichts der Krise in der Automobilindustrie stärker im Verteidigungsmarkt zu positionieren. Bei dieser Zusammenarbeit soll es nicht bleiben. Die Verantwortlichen des Herzogenauracher Traditionsbetriebs beschäftigen sich bereits seit einiger Zeit mit der Rüstungsindustrie als möglichem neuen Betätigungsfeld.
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Nicht ganz unerwartet zwingt der ausgelöste Rüstungshype und die noch ausstehende Vergabe von Milliarden Euro an Rüstungsaufträgen auch die Entscheider der Autobranche, den Rüstungssektor als ergänzenden Hoffnungsträger für das Automobil-Unternehmen zu prüfen und eine Teilhabe an den geplanten Investitionssummen für Rüstungsgeschäfte anzustreben.
Quelle: Auto-Hersteller und Zulieferer: Rüstungsgeschäft als Geschäftserweiterung.
Berlin-Wedding: Munition, zum ersten Mal seit 1945
In Berlin wird es konkret und nah. Aus dem Autozulieferer „Pierburg“ am Humboldthain wird „Rheinmetall Waffe Munition“. Ab Mitte 2026 sollen dort Komponenten für 155-mm-Artillerie-Munition vom Band laufen: 45 Kilogramm schwere, tödliche Geschosse. In einem Kiez in direkter Nachbarschaft zu Wohnhäusern wird dann zum ersten Mal seit 1945 wieder Munition produziert, die weltweit Krieg und Zerstörung bringt. Diese Information hat das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion öffentlich gemacht. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, was in der eigenen Nachbarschaft passiert.

Sangerhausen: 400 Arbeitsplätze, die keine 400 sind
In Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) wird über eine mögliche Ansiedlung von Elbit Systems diskutiert. Eine Protestbewegung unter dem Motto „Keep Elbit Out” spricht sich dagegen aus. Eine Mehrheit im Stadtparlament begrüßt vor allem die versprochenen Arbeitsplätze. Allerdings wurde aus „400” zuletzt „250 bis 400”. Hochgerechnet auf die Fläche der Fabrik sind das ein bis zwei Beschäftigte auf der Fläche eines Fußballplatzes. Der Grad der Automatisierung macht es möglich. Und trotzdem sehen viele Menschen darin einen Hoffnungsschimmer – in einer Region, die nach der Wende wirtschaftlich ausgeblutet ist. Genau dieses Muster wiederholt sich derzeit in vielen Regionen Deutschlands: Wo öffentliche Investitionen in echte Zukunftsinfrastruktur ausbleiben, wird Rüstung als einzige verbliebene Hoffnung verkauft.

Görlitz: Vom Waggon zur Waffe
Und dann ist da noch Görlitz. Seit 1849 wurden dort Schienenfahrzeuge gebaut: Personenwagen, Triebzüge und die legendären Doppelstockwagen, die bis heute in ganz Deutschland und im europäischen Ausland unterwegs sind. Im vergangenen Herbst kündigte der französische Alstom-Konzern jedoch an, das Werk zu schließen. Nun übernimmt die Waffenschmiede KNDS den Betrieb. Noch in diesem Jahr soll die Produktion von Rüstungsgütern starten, dafür sind Investitionen in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags geplant. Aus dem Waggon wird die Waffe. 175 Jahre Schienenverkehrsgeschichte enden somit nicht in einer neuen Zukunft für die Bahn, sondern im Panzerbau. Und das in Zeiten, wo die Lieferzeit von Zügen mehrere Jahre beträgt.

Was hat das mit unserem Buch zu tun?
Unser Buch „Nehmen wir das Leben wieder selbst in die Hand” ist auf eine Weise hochaktuell, die kein gutes Gefühl erzeugt. Thorsten arbeitet seit vier Jahrzehnten in einem VW-Werk am Band, Tobi engagiert sich unter anderem für die Verkehrswendestadt Wolfsburg, Kiki beschäftigt sich wissenschaftlich mit Mobilität und ich habe mit den dreien in diesem Band so viele Ideen zusammengetragen, was in Autowerken gebaut werden könnte und sollte. Busse. Straßenbahnen. Eine gute Infrastruktur – für echte innere Sicherheit, nicht die, die Ulrich Siegmund meint. All das wäre möglich. Ganz klar möglich.
Stattdessen: Follow the money.
Es ist erschütternd, wie konsequent sich Politik und Industrie für das Gegenteil, für profitablen Kriegskapitalismus entscheiden. Ich sage damit ausdrücklich NICHT, dass es in Zeiten eines Trump und eines Putin auch Verteidigungsfähigkeit braucht. Diese muss aber zum einen europäisch gedachten werden und nicht kopflos alles verschrotten, was wir für unsere innere Sicherheit benötigen. Und dazu gehören eben auch die wahlfreie Mobilität und Teilhabe.
Diese Auflistung ist unvollständig, wie ich oben schon gesagt habe. Aber die Richtung ist eindeutig und hat einen Namen: Umrüstung von Mobilität auf Krieg, kaschiert als Standortrettung, als Innovationssprung, als Zukunftssicherung. Wer davon profitiert, wird selten offen benannt, doch die Rendite ist real und fließt in eine Richtung.
Danke an alle, die hier nicht nur kritisch hinschauen, sondern auch recherchieren, aufklären, protestieren und neue Banden bilden – in Berlin, in Sangerhausen, in Osnabrück, in Görlitz und überall dort, wo aus Mobilität gerade Munition wird. Genau aus diesen Banden entsteht der Druck, der am Ende zählt. Lasst uns lauter werden!

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