Thomas Krautscheid – wie forscht und beeinflusst Quotas aus Hamburg den Mobilitätswandel?

Bereits vor ein paar Wochen sprach ich mit Thomas Krautscheid vom Forschungsinstitut Quotas über Mobilität der Zukunft, das Ergebnis des Autogipfel, das Verhältnis der Menschen in Deutschland zum Privat-PKW, lebenswerte Räume und dem Gut des öffentlichen Raums und die Chancen der jetzigen Corona-Krise zum Durchbrechen bisheriger Routinen.

Kaufprämien für Elektroautos sind laut Thomas tatsächlich einer größeren Gruppe der hier lebenden Menschen überhaupt nicht zugänglich, weil diejenigen, die finanzielle Unterstützung beim Kauf eines Autos benötigen, selbst mit dieser Prämie nicht das Geld zum Kauf aufbringen können. Anders gesprochen ist es ein Bonus für Menschen, die sich den Autokauf auch ohne Prämie leisten können.

Phänomen Automobilität in Deutschland
Vor wenigen Jahren und gerade auch in 2008 hätten diese Gipfel einfach stattgefunden und sämtliche Dinge, die von den Konzernen und deren Lobbyisten gefordert wurden, würden quasi eins zu eins umgesetzt. Mittlerweile haben sich aber viele Organisationen in Stellung gebracht um aufzuzeigen:
Mobilität muss sozial gerecht und verträglich sein. Es gibt nicht nur das Auto. Denkt an Menschen mit wenig Einkommen, Fußgänger, Radfahrer, Menschen mit Behinderung, einen gut ausgebauten und funktionierenden ÖPNV und berücksichtigt in jeder Entscheidung Klima-Aspekte. Diese Positionierungen geben diesen Gipfeln ordentlich Gegenwind und um Entscheidungen muss eher gerungen werden. So ist auch in den letzten Jahren die Einstellung zur Automobilität und zum Privat-PKW eine andere geworden.

Thomas Krautscheid: „Das Automobil ist auch durch Corona wieder Verkehrsmittel #1. Ein daraus folgendes Problem für Innenstädte ist nicht nur die Luftverschmutzung, sondern auch die Stellplatz-Thematik. Wir möchten, dass die Städte weiter wachsen (und das werden sie) und wir möchten, dass es lebenswerte Räume bleiben. Ein PKW steht in der Stadt oftmals über 23 Stunden am Tag im öffentlichen Raum. Perspektivisch ist das keine Lösung. Der öffentliche Raum ist ein hohes Gut, wo wir uns als Erwachsene und Kinder bewegen. Daher muss der öffentliche Raum anders aufgeteilt werden. Wenn wir den Blick auf den ländlichen und kleinstädtischen Raum richten hat der Privat-PKW eine Dominanz – auch bei jungen Leuten. Das liegt unter anderem daran, dass dort viele Dinge wie beispielsweise der ÖPNV noch nicht funktionieren. Außerdem gibt es quasi kein Flächenproblem: „Da ist mein Carport. Da stell ich mein Auto rein. Fertig.“

Es ist wichtig zu betrachten: welche Einstellung steht hinter dem Besitz des Verkehrsmittels?
„Wir stellen fest, dass bei der Nutzung des PKW häufig der Status, aber auch der Fahrspaß eine Rolle spielt. Das zeigt, dass weniger durch rationale Argumente, sondern viel mehr durch Emotionen und Einstellung eine Veränderung des Nutzungsverhaltens herbeigeführt werden kann.“

Mobilitätswandel ist nicht technisch lösbar, sondern muss Verhalten verändern. Das gelingt durch Emotion, Irritation und durchbrechen von Routinen.

Corona meets Klima – Parallelen

Corona und Klima ist vergleichbar. Die Parallele liegt sowohl im erzwungenen Stillstand, den wir freiwillig nicht so hinbekommen hätten, als auch in der Übernahme von Verantwortung für andere. Das machen wir in der Klimakrise noch nicht.
Thomas Krautscheid: „Die Krise bietet die Chance zum Beispiel bei Dienstreisen. Für Erst-oder Zweitkontakte sind Präsenztermine für das Kennenlernen sicherlich sinnvoll. Sobald es aber um Arbeitsbeziehungen geht, die zum Beispiel seit Jahren bestehen, bieten sich Vorteile für Arbeitgeber, Arbeitnehmerund die Allgemeinheit. Weniger Arbeitszeitkosten auf der einen Seite, Effektivität und zum Beispiel der Wegfall einer Organisation der Kinderbetreuung auf Grund von Nicht-Anwesenheit oder Wegfall von Autofahrten und Flügen auf der anderen Seite. Noch vor wenigen Monaten wären mehrstündige Telefon-oder Videokonferenzen undenkbar gewesen. Doch jetzt merkt man: es geht, es funktioniert. Das Momentum Corona müssen wir nutzen, um nicht wieder in vorige Routinen zu kommen. Um den Bogen zum Autogipfel wieder zu spannen: die Mobilitätsprämie soll enkeltauglich sein.“

Free-Floating vs. Stationäres Carsharing

Thomas Krautscheid: „Stationäres Carsharing bedeutet, dass das Fahrzeug einen festen Stellplatz zur Abholung und Rückgabe gibt. Free-Floating findet häufig in dicht besiedelten Innenstadt-Räumen statt, bei der die Abholung und Rückgabe von einem fixen Punkt entkoppelt ist. Das stationäre Carsharing hat den positiven Effekt, dass ein Carsharing-Fahrzeug 10-14 Autos ersetzt. Beim Free-Floating ist der Effekt nicht eindeutig. Häufig wird Zusammenhang mit Free-Floatern auch von „Kannibalisierung“ des ÖPNV gesprochen. Das trifft aber vermutlich eher auf ganz wenige Personen zu. Grundsätzlich müssen wir Mobilität in Möglichkeiten denken. Wenn der Free-Floater es ermöglicht, dass ich mobil sein kann und dafür keinen eigenen PKW besitzen muss, ist das ein positiver Effekt. Zusammenfassend liegt der positivere Effekt beim stationären Carsharing. Die Mobilitätsroutinen müssen überdacht werden. Wege können vielfältiger mit dem Fahrrad, Carsharing und dem ÖPNV zurückgelegt werden. Die Zukunft ist nicht mono-sondern multimodal.“

Die Buddy-Butze in der Mobilitätsindustrie

Es gibt einen Dreiklang aus Mobilitätswandel durch neue Arbeitsformen und Diversität. Nicht nur die Branche und deren Ideen sind sehr männlich geprägt. „Wir haben viele Gespräche mit Umweltverbänden, mit der Zivilgesellschaft, aber auch mit Arbeitgebern geführt. Dabei ist aufgefallen, dass das Thema Mobilität sehr männerdominiert und sehr technikgetrieben ist, Diversität aber keinen Raum hat. Daher haben wir gesagt: Lasst uns den Blickwinkel ändern, alle Perspektiven einbinden und ein unser meet-up durch„divers mobil“ ergänzen. Das ist ein erster Beitrag, den wir für mehr Diversität leisten können.“

Das Zurückerobern der Straße

Thomas Krautscheid: „Die Parkraumbewirtschaftung wird ein Schlüssel sein, um eine Veränderung der Mobilität zu erwirken. Das Modell Kopenhagen würde einiges ändern. Die Stadt nimmt sukzessive jedes Jahr 3% des Parkraums zurück und am restlichen Parkraum wird mit der Stellschraube der Parkraumgebühren gedreht. Es geht nicht darum, Menschen etwas zu verbieten, sondern die Attraktivität anderer Formen zu steigern.“ Es ist noch ein langer Weg bis Kinder alleine oder mit Eltern unbekümmert, unbeschwert ohne Stress, ohne Angst vor Autos auf den Straßen unterwegs sein können.“

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