Sichtbar zu sein ist ja so eine Sache.

Frau wird da gern direkt mal angeschrieben, damit sie doch bitte endlich akzeptiert, wie die Welt nunmal läuft. Gestern haben mich zwei Dinge eher amüsiert, als erschrocken, weil sie aus bekanntem Terrain kamen und zur Abwechslung mal meine Vorurteile bestätigten: Das Foto der Herren von Engels & Völkers zum Weltfrauentag, martialisch inszeniert auf den Dächern von Hamburg vor schicksalsschwerem Himmel. Nein, sie standen nicht auf einer Glasdecke. Auf der zweiten Bühne: Zalando, ein Unternehmen, das 75 Prozent Frauen als Kundinnen hat, aber nicht die Macht, in den fünfköpfigen Vorstand auch nur eine von ihnen aufzunehmen. Es seien einfach keine geeigneten Frauen vorhanden – trotz umfänglicher Förderung intern.

Ich denke dann immer:

  1. Schade, dass Frauen trotzdem hier kaufen werden und nicht ihre Macht als Konsumentin nutzen.
  2. Schade, dass solche Unternehmen wahrscheinlich wirklich denken, im Recht zu sein.
  3. Schade, dass es immer noch nicht um Talent geht, sondern um die Geschlechterfrage.

Emotion außerhalb der Bubble: Rakete

Nach dem Denken folgt ein Tweet und dann sehr zuverlässig auch die Reaktion von jemanden, der da anderer Meinung ist. Frauen sollen gefälligst aufhören, sich ins von Männern gemachte Nest setzen zu wollen und selbst gründen. Ist das unser Weg? Wollen wir separierte Welten aufbauen, damit Frauen auch in die Situation geraten, Unternehmen zu führen und zu gestalten? Ich habe darüber ja schon geschrieben: Der Effekt ist schon längst da. Viele der talentierten Frauen, die ich kenne, gründen oder verlassen Konzerne nach kurzer Führungstätigkeit für kleinere Unternehmen, weil der Kompromiss zwischen ihren Werten und dem System, in dem sie wirken sollen, zu groß ist.

Privilegien sind kein “Recht auf”

Ich bedauere diesen Effekt, auch wenn ich ihn gut nachvollziehen kann. Und staune über das, was Wandel mit Menschen macht. Hohe Emotionalisierung durch etwas, das Gleichberechtigung bedeutet. Frauenquote wird als Angriff auf die natürliche Auswahl gesehen. Männer (ja, es sind ausschließlich Männer, die gegenüber mir so krass reagieren) sehen es nicht ein, dass eine Gruppe von Menschen bevorteilt werden soll. Und damit dreht sich das Karussell im Kreis.

Männer sind sich oftmals nicht bewusst, welche Privilegien sie qua Geburt innehaben. Das ist auch nicht verwunderlich, hat die Gesellschaft diese Vorteile seit Jahrhunderten ihnen wie selbstverständlich gegeben – ohne große Anstrengung. Privilegien eben. Auch ich habe als Frau in einem Land wie Deutschland Privilegien, die ich nicht jeden Tag reflektiere. Weil ich sie schon immer habe. Beginnend bei der Tatsache, dass meine Eltern mich in diesem privilegierten Land zur Welt brachten. Dennoch empfinde ich dafür oft Demut und Dankbarkeit. Denn das ist ein Geschenk. Kein Recht auf etwas.

54:9 – ist das noch ein “Versehen”?

Achja, Nummer drei gab es auch noch – mal wieder aus der Mobilität. In Berlin wird es einen “Future Mobility Summit” geben. Neun von 54 sprechenden Personen auf der Bühne sind Stand heute Frauen. Gilt hier auch die Devise: Dann gründet doch selbst? Wie kann es sein, dass nicht mehr Energie investiert wird, Frauen zu finden, die hier für Mehrwert sorgen können?
Ja. Ich bin mittlerweile für temporäre Quoten, in Führung und auf Summits. Für konsequente Ignoranz gegenüber Panels, die es nicht schaffen, auch nur ansatzweise Parität zu erwirken. Wenn ich als Frau ein all-male Panel sprenge, indem ich daran teilnehme, ist das ein Weg. Ein besserer wäre, wenn die Herren vorab sich erkundigen, wie das Panel aufgestellt ist. Sensibilisieren scheint immer noch der beste Weg, für Änderung zu sorgen. Sensibel umgegangen wird dabei mit Menschen, die die Stimme erheben, nicht.

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