Warum ist “emotional” im beruflichen Kontext so negativ behaftet?  Klar, auch Chefs (Frauen mitgemeint), die Emotionen im Job überflüssig finden, klicken mittlerweile “like”, wenn tolle Menschen wie Tijen Onaran oder Lena Rogl über die große Bedeutung von Emotion und über Introversion schreiben. Es ist “State of the art”, diese Dinge nicht mehr öffentlich zu verneinen. Doch kaum schließen sich die Bürotüren, wird über diese Statements das Augenrollen gestartet. Ich war dabei. Und ich beobachte, wie ambivalent gerade im Moment unsere Haltung zum Wandel ist. Vor allem die Verweigerer zeigen sich als Fähnchen im Wind.

Mehr Realismus! Mehr Emotion! Ja was denn nun?

Fangen wir in der Politik an. Politik war lange der Faktor in Gesellschaft, der in Sachen Mobilitätswandel zur Besonnenheit aufrief. Der sich als erhaben über jede Emotionalität und als rationaler Schützer der Schlüsselindustrie (!!11ELF) darstellte. Jetzt hören wir: “Ich komme nicht über die Ecke Verbote, Einschränkungen und Verteuerungen. Ich komme über die Ecke Anreize, Begeisterung, neugierig machen, Förderung, Innovation.”.
Begeisterung ist in meiner Welt eine Emotion. Neugier eine tolle Haltung und Eigenschaft. Die aber in diesem Zusammenhang – und das gibt der Herr Minister zu – garantieren sollen, die Vorschläge einer eigens eingesetzten Kommission zum Mobilitätswandel nicht konkret werden zu lassen. Oder formulieren wir es deutlicher: Dem Tiger die Zähne zu ziehen. Womit diese Art von Emotionalisieren als Feigenblatt enttarnt wäre.

Comedians und Politiker als Wahrer des Ernsthaften

Dann wären da noch Menschen wie Dieter Nuhr, den ich gern ignorieren würde, der jedoch Teil einer Haltung gegenüber den jungen Menschen ist, die aus Angst um ihre Zukunft auf die Straße gehen. So auch in der Welt: “Denn selbst wenn die Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels sich bewahrheiten sollten, hat die Jugend noch eine Zukunft. Nur halt nicht mehr auf Sylt.”

Ich erhöhe um:

Warum machen die das nicht nachmittags? Die haben doch gar keine Ahnung? Warum fordern die nicht viel sinnvollere Dinge? Warum sollten wir verzichten?
Die bessere Frage wäre: Warum gehen die Erwachsenen bzw. ihre Eltern nicht nach Feierabend auf die Straße? Warum fahren sie SUVs? Warum sind sie so abgestumpft?
Dieter Nuhr hat damals auch emotional demonstriert, in den 70ern, sagt er. Und statuiert heute abgeklärt: “Der Wald steht noch. Ich lebe noch.” Hurra. Er ist angekommen in der Welt der Erwachsenen, die nix mehr juckt. Die mich bis heute temporär wütend machen – bei all meiner täglichen Meditation – weil ihre Welt auf Statussymbolen beruht, die eine neue Haltung zu Nachhaltigkeit obsolet machen würde. 
Seine Tochter ist 1996 geboren, weiß Wikipedia. Auch er ist damit ein Vater, der auf die Zukunft seiner Tochter keinen Wert legt. Emotionslos über den Hambacher Forst berichtet, sich belustigt über den Dieselskandal. Der sich hämisch freut über die kleinen Schritte, die Menschen privat gehen, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Armselig. Er. Nicht die anderen.

Was bedeutet das für Führung und Beruf?

Diese Mechanismen, die hier greifen, lassen sich meiner Meinung nach gut auf den beruflichen Kontext übertragen. Wer sich ohnmächtig fühlt und nicht sofort vortrefflich formulieren kann, was getan werden muss, wird ausgelacht. Wer das System kritisch betrachtet in seinem Tun, nervt. Emotion ist dabei jedoch vielleicht der einzige Antreiber für Innovation und Fortschritt, denn Gleichgültigkeit hat meiner Kenntnis nach noch keine Patente hervorgebracht.
Nur: Wie bringen wir dieses Durcheinander von Ration und Emotion im besten Sinne zueinander?
Durch gute Führung. Und die ist nicht ein winziger Part einer Stellenbeschreibung, so wie heute, sondern räumt diesem enorm viel Platz ein. Und ersetzt damit dicke Karren und Parkplatzschilder, die vielleicht auch nur ein Wunsch nach Sichtbarkeit und Wahrnehmung als Mensch sind. Nur eben die kalte Variante von ihr.

“Träumereien über eine langsame Anpassung an den Klimawandel müssen schnell ein Ende finden, denn die harte Realität eines immer schneller werdenden Rhythmus von Störungen und Unvorhersehbarkeiten ist eingetreten.” Klimaforscher Michael E. Mann in “Der Tollhauseffekt” (2018)
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