„Roller verschandeln Städte.“ „Irrsinn auf zwei Rädern.“ „Erste Unfallopfer zeigen die Gefahr.“ „Verbot nach Trunkenheitsfahrten gefordert.“ „Krieg auf der Straße.“ Um nur einige der Schlagzeilen zu nennen. Was sich in der Sommerpause für Klicksammler eignet, hat nur selten sehr fundierte Hintergründe. Als sich abzeichnete, dass es hier eine neue Mobilitätsform auf der Straße geben würde, war ich ad hoc auch erstmal kein Fan, weil mich Nachrichten erreicht hatten, dass die Roller nur wenige Wochen halten und dann als Elektro- und Plastikschrott enden. Ich ärgerte mich aber auch über das fast schon geübte Gegeneinander der Interessensgruppen. Radfahrende und Fußgänger pflegten bis hin zu Demos ihre Lobby gegen die neuen Gefährte – anstatt als Interessensgemeinschaft mehr Platz vom Auto zu fordern.

Grund genug für mich, auf dieses Thema einmal genauer zu schauen – und das zu machen, was eigentlich alle tun sollten: Fakten generieren, nicht Meinung und Emotion. Ich betrachte weiterhin die Leihroller kritisch, bin aber gewillt, diese nicht schon in ihrem ersten Lebenszyklus auf deutschen Straßen zu verdammen, sondern ihnen Chancen einzuräumen, ein TEIL des Mobilitätswandels zu sein. Auch Systemen wie dem Hamburger Stadtrad gingen zunächst Unkenrufe vorweg, dass diese vor allem Kund:innen aus dem ÖPNV rausziehen würden (was schon qua Masse nicht möglich ist, da es nur 2.500 Räder sind). Mittlerweile ist die Flotte der Räder runderneuert, enthält sogar Lastenräder und erfreut sich in der Hansestadt großer Beliebtheit als TEIL des Mobilitätswandels, der den individuell besessene PKW im urbanen Raum überflüssig machen soll. Zumal es eben NICHT NUR die Leihsysteme gibt, in denen die E-Stehroller Anwendung finden – sondern Versuche, hier nachhaltige Konzepte mit ÖV-Integration zu entwickeln oder aber eben im Kaufsegment dafür zu sorgen, dass in der Produktion höhere Nachhaltigkeit stattfindet. Und mal ehrlich: Wir alle nutzen Handys und Laptops und fragen da auch nicht nach seltenen Erden oder? Wir sind schnell dabei, wenn es darum geht, andere an ihre Verantwortung, aber was ist mit der, die wir selbst tragen?

Mit Florian Wahlberg und Sebastian Hofer habe ich mir nicht nur die ersten Männer in meinen Podcast geholt, sondern auch zwei Experten, die von verschiedenen Blickwinkeln aus auf das Thema E-Stehroller schauen. Sebastian ist gelernter Ingenieur, hat zuvor Fahrräder und smart cycling Produkte entwickelt und treibt nun seit zwei Jahren u.a. das Thema „Mikromobilität“ für die Hochbahn als Innovationsmanager voran. Das aktuell laufende, erste Modellprojekt ist europaweit das erste dieser Art. Florian Wahlberg ist meiner Meinung nach einer der „Väter“ der Legalisierung von E-Stehrollern, das, was man gern „Selfmade-Unternehmer“ nennt und hat schon 2003 (damals noch als Dienstleister) die ersten Stehroller und deren gesamten Lebenszyklus begleitet. Er hat sowohl in den Behördern der EU als auch im Bundestag Klinken geputzt, um zu ermöglichen, was sich seit ein paar Wochen auf den Straßen deutscher Großststädte bewegt: Die Zulassung von E-Stehrollern (nach Aussagen von Florian sind das „Kack-Mofas ohne Sattel – beruhigt euch mal!“) für den Straßenbetrieb. Mit seiner 2011 gegründeten Firma Walberg Electric vertreibt er zwei Produktlinien von Rollern und Ebikes und beschäftigt mittlerweile 22 Angestellte.

Die Hochbahn hat nach eingehender Analyse von Hamburgs Vororten und Gesprächen mit allen Anbietern von Sharing-Rollern in einem Gebiet für ein Pilotprojekt definiert, in denen mit dem Roller vom Haus bis zur nächsten U/S-Bahn-Station gefahren werden kann – um Autofahrten durch Kombination dieser beiden Mobilitätsformen zu ersetzen. Wichtig war dabei die geordnete Aufstellung der Fahrzeuge am Bahnhof um im Vergleich zum (vermeintlichen) Abstellchaos in der Innenstadt ein Gegenkonzept zu testen. Dafür wurden spezielle Abstellvorrichtungen mit einem ebenfalls schwedischen Hersteller entwickelt.

Auch Florian ist es wichtig, nicht jeden e-Stehroller gleich zu betrachten. „Sharing-Systeme sind momentan das Einzige, was mediale Aufmerksamkeit erhält. Meine Produkte werden gekauft und sind dadurch völlig anders in Nutzungsverhalten und Nachhaltigkeit.“ Während das Sharingmodell ein klares Geschäftsmodell als Dienstleistung ist, ist der Kauf eines solchen Rollers ein Teil der persönlichen „Besitzmobilität“. Mit dem Kauf haben Kund:innen automatisch andere Anforderungen an den Roller, da sie ihn eben nicht nur ein paar Minuten und gelegentlich benutzen, sondern als Teil ihrer Mobilitätskette betrachten.

„Aktuell kann NIEMAND sagen, wie die Lebenszeit der Sharing-Roller sein wird. Es ist völlig absurd, dass es hier Prognosen gibt. Worauf sollen die denn basieren? Die Fahrzeuge, die jetzt auf deutschen Straßen fahren, sind schon eine deutliche Entwicklung der aus Asien gewohnten Plastikmodelle – die haben sich innerhalb kurzer Zeit bereits fantastisch weiterentwickelt mit Schnellwechsel-Akkus und modularen Teilen“, so Florian. Und auch Sebastian nimmt der aktuellen Debatte Emotionalität: „Hier sind zum Teil sehr junge Unternehmen am Start, die noch nicht mal ein Jahr existieren und die ersten Roller noch aus dem Consumer Electronics Bereich bezogen haben.

Leider rächt sich hier das aktuelle Venture Capital Spiel: Schnell große Summen einsammeln und auf den Markt pumpen. Wir haben uns deswegen auch für VOI entschieden, die sehr viel bewusster wachsen und nicht überall in Deutschland tätig sind.“ Er sieht hier den Gesetzgeber in der Pflicht, kritisch zu beobachten, wieviele Anbieter man zulässt, denn natürlich macht die Masse es gerade nahezu unmöglich, nachhaltig zu wachsen.

Zu allen weiteren Details lade ich herzlich in meinen Podcast ein, mal anhören, was die beiden valide zu berichten haben und gerne den Diskurs darüber eröffnen. Aber eben nicht das Bashing, das Diskussion unmöglich macht.

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