Mein Podcast führt mich mit inspirierenden Frauen zusammen, die jede auf ihre Weise die Mobilität der Zukunft mit den Füßen in der Gegenwart gestaltet. Keine von ihnen ist technikverliebt in bestimmte Fahrzeugtypen, Zukunftsszenarien oder ohne Wertschätzung für den öffentlichen Nahverkehr. Alle eint die Vision, dass auch zukünftig ALLE mitgenommen werden, durch ein noch zu schaffendes Gesamtsystem, in dem jede Form der Mobilität ihre Berechtigung hat – solange sie die Freiheit anderer nicht einschränkt oder über die Maße Umweltbelastung nach sich zieht.

Quersteiger:innen gestalten die Mobilität

Was alle Frauen vor meinem Mikro zudem eint: Bis auf eine haben sie nicht in der Branche ihre ersten Schritte gemacht, sondern in ganz anderen Unternehmen. Sie waren Bankerin, Gärtnerin, Frisörin und Agenturmitarbeiterin. Und sind durch ihre unterschiedlichen Lebensläufe meiner Meinung nach enorm wichtig für nachhaltige Entwicklung in sozialen Rahmenbedingungen – gerade auch in der Mobilität. Natürlich brauchen wir BWLer:innen, Jurist:innen, Ingenieur:innen und Geograph:innen. Unsere zukünftige Mobilität weiterhin nur auf diesen Expertisen aufzubauen, wäre jedoch fatal. Weil Fortbewegung eben nicht nur etwas Technisches und Fahrzeugbezogenes ist, sondern etwas, das immer auch z. B. Geisteswissenschaftler:innen mit gestalten sollten. Denn diese haben eine andere Herangehensweise an Problemlösungen und hinterfragen anders (bzw. überhaupt) als es nicht-Geisteswissenschaftler:innen tun.

Studium immer vonnöten?

Auch der Fakt, dass es unbedingt eines Studiums bedarf, um wertvolle Beiträge für diese Gestaltung zu leisten, wage ich zu bezweifeln. Ich habe in Verkehrs- und Logistikunternehmen gearbeitet und mich immer auch mit den Menschen an Basis unterhalten. Und von ihnen nicht selten die „Wahrheit“ über betriebliche Qualität und bestimmte Projekte im Unternehmen erfahren. Zudem – auch wenn diese Mitarbeiter:innen leider meist schlecht bezahlt werden – waren sie mein direkter Draht zur Kundin, da sie an den Lenkrädern und in den Kundenzentren sitzend stets sofort die Unzufriedenheit unserer Zielgruppe mitbekamen. Davon waren wir in der so genannten „Plüschetage“ im vierten oder noch höheren Stockwerk meist nicht nur räumlich weit entfernt.

Interne Ressourcen nicht vergessen

Ich rate Unternehmen, diese internen Ressourcen nicht zu unterschätzen, zunächst auch in den eigenen Reihen zu schauen, wenn frei werdende Stellen neu besetzt werden müssen oder aber auch das eigene externe Recruiting zu hinterfragen, das ggf. nach den falschen Qualifizierungen sucht. Der Markt verändert sich sehr schnell, nicht nur durch neue Angebote, sondern auch durch Kunden. Diese sitzen heute noch in ihrem eigenen Auto und genießen dessen Vorzüge der subjektiv immer vorhandenen Verfügbarkeit und des eigenen umbauten Raumes. Die Rahmenbedingungen des privat besessenen Autos werden sich jedoch deutlich ändern (müssen), um unsere Umwelt zu erhalten, denn wir vergeuden so, wie wir sie nutzen (45 Minuten am Tag mit 1.5 Personen an Bord), Raum, Ressourcen und gesunde Luft, die allen gehört.

Diverse Teams spiegeln die Gesellschaft//Kund:innen wider

Ich schließe nicht aus, dass eine BWLer:in oder eine Ingenieur:in in der Lage ist, diese Situation gewinnbringend für Kund:innen und Unternehmen zu gestalten. Teil ihres Studiums ist jedoch eher ein rationaler Bezug zur Mobilität. In Teams mit hauseigenen Expert:innen oder „fachfremden“ Disziplinen sehe ich weit größere Veränderungskraft für diese neue Mobilität, in deren Zentrum der Mensch und nicht das Fahrzeug steht. Es braucht Menschen, die nicht vom Auto fasziniert sind, dieses mit gewisser Distanz betrachten können, um Mobilität anders zu denken. In Unternehmen, in denen die Führungsriege durchweg große Dienstwagen, ist das schwierig zu vermitteln. Denn: Wer seine eigenen Produkte wie Busse und Bahnen nicht nutzt, kann schwerlich die „durchschnittliche“ Kundenbrille aufsetzen, da seine Produkterfahrung auf seltenen Einzelfällen beruht. Wer technisch an Fahrzeuggestaltung herangeht, wird wichtige Details, die den Kunden zum Umstieg aus dem Auto ermuntern, übersehen, genauso wie jemand, dermmgroßartige Exceltabellen für Kalkulationen, aber Produkte nicht innovativ erstellen kann. Es bedarf des grenzüberschreitenden und mutigen Neudenkens von Kollaboration und Kernkompetenz. Intern durch Rekrutierung neuer Mindsets und Fähigkeiten, extern in der Zusammenarbeit zwischen StartUps und Konzernen, die beide jedoch bei ihrer Kernkompetenz verbleiben. Sonst geht der „sweet spot“ dieser Allianzen verloren.

Wie sehen Sie das? Sind Studienabschlüsse noch das „Nonplusultra“? Ist es noch angemessen, dass Fachkarrieren von höheren Gehältern meist ausgeschlossen sind? Denkt ihr Unternehmen hier vielleicht schon um und schaut bewusst erst nach innen, bevor extern ausgeschrieben wird? Ich freue mich über Feedback.

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