Der aktuelle ZEIT-Artikel wirft hohe Wellen in den sozialen Netzwerken. Viele männliche Reaktionen sind ungläubig, (zu) viele Frauen können nachvollziehen, was Betroffene im Artikel beschreiben. Noch deutlicher wird die Print-Ausgabe des Wochenmagazins, die ihre Wirtschaftsseite komplett mit Zitaten von Frauen bestückt, die aus ihrem beruflichen Alltag stammen. Ich finde es fantastisch, dass erstens so umfänglich zu dem Thema recherchiert und 1.500 Frauen befragt wurden, und zweitens, dass dieses Thema so prominent im richtigen Umfeld platziert wird. Bewusst nicht im Gesellschafts-Teil, sondern in der Wirtschaft.

Ich möchte jetzt nicht die Debatte führen, dass auch Frauen Männer belästigen. Sicher wird es das geben. Ich möchte vielmehr die Debatte führen, wie niemand mehr belästigt wird. Denn eigentlich ist das Überprüfen eigenen Verhaltens auf Sexismus ganz einfach:

  • Würdest du wollen, dass das, was du gleich sagst oder tust, deiner Schwester, Frau oder Tochter passiert?
  • Wenn nein: Lass´ es.
  • Wenn “weiß nicht”: Lass´ es. Ganz einfach. Eigentlich.

Dennoch finden Sprüche wie diese hier immer noch statt. Jeden Tag. Die ZEIT hat in ihrer Printausgabe diese Sprüche exemplarisch gesammelt. Schonmal einen gehört, oder gemacht? Zu Recht darf einer und einem beim Lesen dieser Sammlung schlecht werden, denn wir schreiben das Jahr 2019. In diesem ist nachweislich noch nicht jeder Vorgesetzte und jeder Kollege angekommen. Und auf diesem verbalen Machtmissbrauch bauen sich viele Machtmannschaften auf. Sie machen andere klein, um sich selbst groß zu fühlen. Sie brauchen die falsche Verbundenheit, die sich einstellt, wenn sich gemeinsam über eine andere Person lustig gemacht, sie mit Worten herabgesetzt wird. Sei es, dass man(n) Frauen technisches Interesse abspricht, Männer mit Wunsch nach Elternzeit als Luschen bezeichnet oder die “toughe Singlefrau” als lesbisch lebend einstuft. Es gibt viele Schubladen, die das Leben erleichtern (scheinbar). Lassen Sie uns diese überwinden. Zugunsten aller.

Im Machtgefüge von Unternehmen ist es für Diskriminierte nicht so einfach wie privat an der Theke, solche Sprüche deutlich zurückzuweisen, da hier so viel mehr mitschwingt als nur der normale Umgang, der auch an der Theke eigentlich von Respekt geprägt sein sollte. Die Statistiken im Artikel zeigen es deutlich: Es sind eben nicht nur “schwache Frauen”, die von solchem Verhalten betroffen sind, sondern es macht Frauen schwach, wenn sie in solchen Momenten keine kompromisslose Solidarität erfahren. Und es sind nicht bestimmteFrauen, die solches Verhalten anziehen oder provozieren, sondern es sind ALLE betroffen. Alle kommen in Betracht, sich in solch widerlichen Situationen wiederzufinden. Und alle sind auf ihre Art erst einmal hilflos, wenn dies das erste Mal geschieht. Und dann noch einmal – und dann erneut. Danach findet vielleicht eine Abstumpfung statt, Darüberstehen ist jedoch nicht das, was gefordert werden sollte.

Dennoch: Immer noch zu oft, wenn darüber gesprochen wird, greift zunächst der Reflex: Ob da wirklich was dran ist? Warum berichtet sie erst jetzt davon? Immer wieder scheuen Frauen (zu Recht?), solche Vorfälle sichtbar zu machen, weil sie fürchten, dass es am Ende sie es sind, die ein Stigma davontragen. Die im Artikel anonymisierten Frauen von der GIZ, Lidl, denn´s Biomarkt und einer Internationalen Wirtschaftsberatung waren die Ausnahme, viele haben nicht gewagt, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Was also tun?

Wenn an der Theke, in der Küche oder am Meetingtisch sexistische Sprüche kommen, diese nicht peinlich berührt Wegkichern, sondern deutlich machen, dass es Grenzen gibt – auch im beruflichen Kontext – die es zu wahren gilt. Und das gilt für Frauen wie für Männer. Nur weil wir älteren Frauen “Kummer gewohnt sind”, heißt das noch lange nicht, dass die richtige Methode das Weggucken ist, um in der Buddybutze nicht aufzufallen. Es heißt, für andere den Rücken gerade zu machen, wenn uns daran gelegen ist, am Betriebsklima nachhaltig etwas zu verändern. Auch wenn der neue homosexuell lebende Kollege ständig zu hören bekommt, dass es ja so schade sei, dass er nicht auf Frauen stehe. Auch wenn die Frau mit der Tendenz zu viel/wenig/bunter Schminke verbal abgewertet wird, sollte hier Solidarität greifen. Denn schon mit Scherzen beginnt Sexismus.

Es ist harte Arbeit – das ist mir klar. Weil es immer einfach ist, mit der Masse zu schwimmen und sich vermeintlich im Konsens die Schenkel zu klopfen, wenn der Chef wieder einen solchen Spruch macht, wenn Elternschaft zur Benachteiligung führt oder aufgrund von Geschlecht bestimmte Hierarchiestufen unerreichbar scheinen. Rücken gerade und Mund auf – das wünsche ich mir.

Oder aber solche Veranstaltungen wie die vom Team Nushu wahrnehmen, und mal unter Männern darüber reden, wie das eigentlich so geht mit der Gleichberechtigung. Große Empfehlung. Denn – und das meine ich ernst – ich glaube nicht, dass jede Art von Sexismus willentlich ist. Sie ist “nur” nicht reflektiert. Hat noch keine Korrektur erfahren, weil man(n) sich vielleicht auch in der einer Umgebung befindet, in der dieser nicht zu reflektieren ist. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Talente zählen, nicht Geschlechtsmerkmale.

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