Ich halte aktuell viele Keynotes zum Mobilitätswandel, moderiere Panels mit Menschen, die diesen gestalten. Die Fragen, die mir dabei nach meinen Vorträgen gestellt werden, lassen mich mehr als je zuvor daran zweifeln, dass es wirklich so viele sind, die Autofahren um des Autofahrens machen. Die Verklärung dieser Mobilitätsform scheint schon längst verblasst. Ist es also wirklich „der Bürger:innen Wille“, wenn die Bundespolitik sich auf sie bezieht beim Schutz dieses Fahrzeugs?

Ich geb’ Gas – ich hab’ Spaß
Das war einmal. Heute steht das Auto täglich acht Minuten im Stau, sucht mit seiner Fahrerin neun Minuten einen Parkplatz und ist 28 Minuten in Nutzung. Das ist der deutsche Durchschnitt. Es wird also viele PKW geben, die sich noch nicht mal täglich bewegen. Dennoch höre ich in den Diskussionen immer wieder, wie wichtig das Auto für die tägliche Mobilität der Menschen ist. Herangezogen wird dann der Handwerker aus dem Glottertal oder der Bäcker aus Brandenburg, der zur Arbeit muss, wenn kein Bus fährt. Aber müssen wir dieses Bild nicht längst anders denken? Ist es nicht eher der fehlende Bus, der den Bäcker dazu zwingt, sein Auto zu nehmen?

Wer ist diese breite Masse, die angeblich Auto fahren WILL?
Das frage ich mich in den letzten Wochen nahezu täglich. Denn auch ich bin davon ausgegangen, dass es sie gibt. Wenn ich aber mit Autofahrer:innen ins Gespräch komme, ist meist der erste Satz, der fällt: „Ich würde ja gern auf mein Auto verzichten, aber….“ Und dann kommen vielfältige und größtenteils nachvollziehbare Gründe wie mangelnde öffentliche Verkehrsanbindung, zu lange Strecken für eine Radfahrt etc.. Ist es dann nicht besser, Bürgers Stimme so wahrzunehmen, dass er wählen möchte? Dann schlösse man jene, die Auto fahren will nicht aus, könnte aber jenen den Umstieg erleichtern, die das Auto eigentlich nervt. Denn auch das berichten Mitarbeiter:innen von Werkstätten: Das Auto ist nicht mehr das kranke Kind, das schnell gesund werden soll, sondern es ist ein Werkzeug, das Macken hat und deswegen nervt. Es MUSS schnell repariert werden, weil ohne es die Mobilität nicht mehr vorhanden ist.

Ist das Auto schon längst vom Thron?
Vielleicht ist auch hier – wie in manch anderem Fall – die Kundin gedanklich schon sehr viel weiter, als die Industrie es zu wissen glaubt. Klar, es stimmt: Ein Drittel der SUV fahren Frauen, nicht wenige bringen damit ihre Kinder zur Schule. Aber machen das auch alle, weil sie große PKW sexy finden? Oder ist es ein subjektives „Aufrüsten“ in der als unsicher empfundenen Straßensituation auf dem Schulweg? Natürlich ist es schade, dass es anscheinend kaum noch Fahrgemeinschaften gibt, Nachbarschaften auf die Idee kommen, sich ein Auto zu teilen. Aber wem sollte ich das zum Vorwurf machen? Fast jede Anzeige für PKW, die mir begegnet, enthält schon Leasingangebote. Alle drei Jahre kann ein neues Fahrzeug vor der Tür stehen, dass man sich eigentlich nicht leisten kann. Es aber tut, weil keine Alternativen in reichbarer, sichtbarer Nähe wäre.

Alternativen kann nur denken, wer sie auch hat
Und natürlich sind Menschen in Arbeits- oder Wohnumgebungen, wo eben keine Busse oder Bahnen fahren, wo es keine Radwege gibt, nicht in der Lage, sich eine Mobilität ohne Auto vorzustellen. Vom Babyalter an haben sie wahrscheinlich einen nicht unerheblichen Teil ihrer Lebenszeit in einem Auto verbracht. Damals vielleicht sogar noch mit ihren Eltern, die dem Auto nahmen gaben und es samstäglich polierten. Nicht wenige Arbeiter bei Autokonzernen fuhren mit dem Rad zur Arbeit und nutzten ihren ganzen Stolz, das Auto vom Daimler, Opel, Volkswagen nur für besondere Ausflüge. Da war noch nicht viel Verkehr, da war Auto noch mehr Genuss, als es heute sein kann.

Umstieg erleichtern heißt Alternativen fördern
Warum also nicht Volkes Stimme hören und ihr entsprechen? Warum also nicht direkt in den deutlichen Ausbau von ÖPNV, Radwegen und neuen Mobilitätsformen als Zubringer zu öffentlihcen Systemen investieren? Warum nicht Budgets nutzen, die für Straßenbau geplant wurden? In manchem Jahr waren da vier Milliarden für die Schiene und 44 für die Straße. Da ist doch einiges möglich. Mobilitätswandel soll menschenzentriert erfolgen. Das wird immer wieder postuliert. Das heißt für mich auch, anerkennen, dass viele wollen, dass das Auto stehenbleibt oder gar überflüssig wird. Und auch unter diesem Artikel wird es um ländlichen Raum gehen, dort, wo keine Alternative ist. JA! Genau das muss geändert werden. Wir brauchen nicht zwei parallele Welten der Mobilität. Auto und die anderen – das war einmal. Heute sollte das Auto genausoviel Bedeutung wie „alle anderen“ bekommen – also deutlich weniger Platz, Subvention. Und damit Raum für Neues, Nachhaltiges schaffen, was nicht nur 1.2 Personen 45 Minuten am Tag nutzen.

Wie sehen Sie das?

Ich lade mit diesem Artikel zum Kopfstand ein – zu einer grundsätzlichen Diskussion, die mir aktuell vor allem um die Debatten rund um die IAA zu kurz kommt.
Die Fragen:
– Wie frei entscheiden sich Menschen noch für Ihr Auto?
– Ist es wirklich immer noch die Lust am Fahren und die Freude am PKW-Besitz – oder ist es bei vielen mittlerweile eher notwendiges Übel, weil Alternativen fehlen?
– Mir zumindest sagen viele nach meinen Keynotes über Mobilitätswandel: Ich würde gern auf mein Auto verzichten, aber….
– Ist also die Bürgerin vielleicht schon in vielem weiter als wir, die wir noch den Autowandel diskutieren?
Ist Elektromobilität eine Brücke?

2 Kommentare
  1. Stephan
    Stephan sagte:

    Die bei den Vorträgen gemachten Erfahrungen decken sich offensichtlich mit der Studie des Umweltbundesamts von 2016, wonach fast alle Befragten der Meinung waren, dass das Leben besser wäre, wenn sie nicht so sehr aufs Auto angewiesen wären (Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-04/umweltbewusstseinsstudie-auto-oepnv-umstieg-deutschland).

    Zur Frage „Ist es wirklich immer noch die Lust am Fahren und die Freude am PKW-Besitz – oder ist es bei vielen mittlerweile eher notwendiges Übel, weil Alternativen fehlen?“:
    Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Omnipräsenz des Autos im Laufe der Zeit schleichend dazu geführt hat, dass sich alltägliche Wege immer mehr verlängert haben, was wiederum zu einer immer stärkeren Abhängigkeit vom Auto geführt hat. Wurde das Auto in den 60er Jahren noch als Befreiung von der eigenen Unzulänglichkeit betrachtet, weil man seinen noch relativ kurzen Arbeitsweg nun schneller und flexibler bestreiten konnte, so wird mittlerweile erwartet, dass man täglich auch mal 30 Kilometer einfache Strecke zum Arbeitsplatz zurücklegen kann, und wenn man dazu nicht bereit ist, dann droht eben Arbeitslosigkeit.

    Es ist ganz bestimmt viel komplexer und es gibt nicht nur einen monokausalen Zusammenhang, aber ich denke, das Auto ist heutzutage Segen und Fluch zugleich. Es ist eben nichts besonderes mehr, aber es geht aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen auch nicht mehr ohne. Die Leute hassen den Verkehr, die Staus, die Kosten, aber sie wollen trotzdem nicht auf die Gewissheit eines (relativ) zuverlässigen privaten Verkehrsmittels verzichten.

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    • AdminKatja1973
      AdminKatja1973 sagte:

      Danke für das umfängliche Feedback!
      Deswegen sind meine Schwerpunkte auch – neben dem Wandel – Diversität und neue Arbeitsformen. Wir brauchen andere Angebote und andere Arbeit. Momentan hängen wir am Status Quo, der unsere Kreativität hemmt.

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